Buchmesse Frankfurt
Eine Feierstunde für den Humanismus

Der Computer-Freak und Internet-Kritiker Jaron Lanier bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die aussergewöhnliche Wahl ist gut begründet.

Sabine Altorfer
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Jaron Lanier und Heinrich Riethmüller: äusserlich gegensätzlich, in ihrem Glauben an die Werte des Menschen und an den Humanismus aber gleicher Meinung. Key

Jaron Lanier und Heinrich Riethmüller: äusserlich gegensätzlich, in ihrem Glauben an die Werte des Menschen und an den Humanismus aber gleicher Meinung. Key

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Wenn die Frankfurter Buchmesse am Schluss-Sonntag zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in die Paulskirche lädt, so ist das jeweils ein Hochamt. Hier dominieren Geist vor Handel, Werte vor Wertschöpfung. Hier wird beschworen, was den Geist von Büchern ausmacht, und wie Denker und Intellektuelle der Gesellschaft nützen und sie weiterbringen.

Auch wenn diesmal mit Jaron Lanier ein amerikanischer Internet-Freak und Internet-Kritiker ausgezeichnet wurde, war es nicht anders. Im Gegenteil: So oft und explizit wurden Grundwerte, wurde der Humanismus als Basis für unser Leben, noch selten beschworen. In den Lobreden, aber auch vom Preisträger selber.

Eine aussergewöhnliche Wahl

Der diesjährige Preisträger, Jaron Lanier, sei eine aussergewöhnliche Wahl, das sagte Heinrich Riethmüller, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Aussergewöhnlich war schon das äussere Bild: Da die gesetzten Herren und wenigen Damen in der kühlen Paulskirche, dort der 54-jährige Amerikaner Lanier, mit seinen langen Rastalocken, blau-gelber Brille, ohne Krawatte, dafür mit einer auffälligen Halskette. Der Computer-Freak, Schriftsteller, Musiker ist zum wohl populärsten Kritiker der digitalen Welt, des «digitalen Kapitalismus» geworden, wie Riethmüller betonte. Aber Lanier verfalle nicht dem Pessimismus, sondern zeige Wege auf. «Wir brauchen optimistische Denker wie Lanier.»

Drei Redner plus der Preisträger formulieren jeweils vor laufenden Fernsehkameras (die ARD übertrug live) ihre Gedanken. Hörenswert – und lesenswert – sind sie, weil sie über die Aktualität, über ein Werk hinausreichen.

Die Zukunft der digitalen Welt wurde verhandelt und was es braucht, damit sie dem Menschen dient. «Die schöne neue Welt macht uns autark und unabhängig», sagte Riethmüller. Aber wir würden abhängig von globalen Monopolisten. «Ist der Mensch dabei, sich selbst abzuschaffen, die Werte aufzugeben, die ihm bislang wichtig waren»?

Das Gefühl ausgeliefert zu sein, teilen viele. Nicht erstaunlich also, erntete Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann Applaus für sein Bekenntnis, Edward Snowden sei für ihn einer der Helden unserer Zeit. «Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Wir sind in diesem Land zurecht aufmerksam und schauen genau hin, wenn im Namen irgendeines Systems Rechte des Individuums gefährdet werden. Wir schauen auch im Internet genau hin: Welches Recht herrscht online, wo Unrecht? Wie viel ist demokratischer Kontrolle unterworfen?»

Laudator Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes, ortete die heutige Gesellschaft in einem grundlegenden Wandel, nur vergleichbar mit der industriellen Revolution. Der Fortschritt dürfe nicht von den Gefahren ablenken. Er attestierte dem Preisträger: «Lanier fordert uns auf, als freie, selbstbestimmte, motivierte und kreative Individuen an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Damit führt uns der Amerikaner mit europäischen Wurzeln zu unserer eigenen Gedankentradition zurück und erinnert uns an die besten Fähigkeiten, die wir in uns haben. Er erinnert uns daran, dass der Mensch niemals zum Objekt degradiert werden darf, für keine Idee oder Ideologie, egal was ihr Ziel sein mag.»

Lanier: Warnung vor dem Rudel

Dass die Techies an diesen Humanismus glauben, davon ist Jaron Lanier nicht überzeugt. «Der Glaube an die Besonderheit des Menschen mag für sie sentimental oder religiös klingen, und so etwas können sie nicht leiden. Aber wie könnten wir dann nach einer humanistischen Gesellschaft streben? Darf ich vorschlagen, dass die Technologen wenigstens versuchen so zu tun, als würden sie an die menschliche Besonderheit glauben, nur um zu sehen, wie es sich anfühlt?»

Neben der Macht der globalen Netz-Monopolisten, die als einzige finanziell von der digitalen Welt profitierten, sieht Lanier den Hang des Menschen, im Rudel zu agieren, als grösste Gefahr für den Frieden. «Wenn es eines gibt, das mich am Internet ängstigt, dann dies: Es ist ein Medium, das Flashmobs auslösen kann und regelmässig schlagartig virale Trends schafft. Zwar haben diese Effekte bisher noch keinen grösseren Schaden angerichtet, aber was haben wir im Gegenzug, um sie zu verhindern?»

Kontrolle könne nur von aussen kommen, ist Lanier überzeugt: «Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornografie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien ausserhalb des Internets – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen.»

Das Denken in Clans, in Nationalismen, in Ideologien sei Ursache für politische Fehlentwicklungen und menschliches Leid. Lanier verwies auf seine Familiengeschichte, auf seine Wiener Mutter, die den Holocaust – im Gegensatz zu vielen ihrer Familie – knapp überlebt hatte. Den Preis widmete er seinem kürzlich verstorbenen Vater.

Und er beendete das Hochamt des Humanismus vor dem kühlen Marmor der Paulskirche mit einem Bekenntnis zur Familie und zur Freundschaft. «Lasst uns die Schöpfung lieben.»

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