Was für ein Bild. Der alternde Faust (Jan Casier) schleppt sich in der ersten Szene vor dem Hintergrund eines gelb-roten Himmels mühsam vorwärts. Der Rollstuhl wird zum Rollator, an den sich Faust klammert und der ihm Zuflucht ist. Ein Geräusch untermalt den Gang; verursacht von den auf dem Boden liegenden, dunklen Engeln. Sie heben ihre Flügel, lassen sie aber sogleich sinken – als ob sie kurz vor dem Verenden stünden. Dann schliesst sich das «Fenster» mit Faust. Eine neue Tür öffnet sich und damit steht – ganz in Schwarz – der «gefallene Engel» Mephisto (William Moore) da; jener Geist, der in Goethes Tragödie «stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht».

Er erinnert an Christus

Clug führt eine Schar Studenten ein, doch die mit abgezirkelten Arm- und Fussbewegungen sowie mit Büchern rhythmisierten Gruppenbilder wirken nicht ausgelassen, sondern in ihrer grotesken Zuspitzung bedrohlich. Umso auffälliger ist Fausts Einsamkeit – und dies umso mehr, als dass der Wissensdurstige sich im Hintergrund an einem Toten zu schaffen macht, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen. Abermals ein bedenkenswertes Bild. Der sich kurz aufbäumende Tote mit langem Haar erinnert an Christus. Dass dieser später – dank einem Fingerschnippen von Mephisto zum Leben erweckt – beim Osterfest tatsächlich als solcher in einem Glaskasten zur Schau gestellt wird, ist ein Schlüsselmoment in Clugs Inszenierung.

Faust ist vom gläsernen Gehäuse magisch angezogen; für Mephisto ist dieses schlicht ein Ort, um Faust dessen Seele abzuringen. In klaustrophobischer Enge entzündet sich ein physischer Dialog zwischen Anziehung und Ablehnung. Mephisto geht buchstäblich die Wände hoch; er bedrängt den hilflosen Faust im Rollstuhl, bis er schliesslich bekommt, was er will. Fausts anschliessende Verwandlung in einen jungen, strahlenden Mann? Hexen, ein Tisch, Messer – und siehe da: mit einem Mal liegt ein Jüngling da, den Mephisto kaum zu berühren wagt, bis er und Faust schliesslich einen vor Spannung nur so knisternden Pas de deux tanzen; Faust steht danach in Siegerpose auf dem Tisch und sieht von dort oben das putzende Gretchen (Michelle Willems). Liebe auf den ersten Blick … die Katastrophe ist unausweichlich. Und stets dabei: Mephisto mit seinem weiss geschminkten, entfernt an einen traurigen Clown erinnernden Gesicht.

Dramaturgische Finesse

So zieht ein einziger Strom bezwingender, strikt auf den Kern der jeweiligen Szene fokussierter Bilder (Bühne: Marko Japeli) vorüber. Dazu hat Milko Lazar eine klanglich vielschichtig aufgefächerte Musik mit stark repetitivem Charakter geschrieben, die ab und zu auch konterkariert. Beispielsweise die Walpurgis-Nacht, die nicht als orchestraler Rausch, sondern als intimes Spiel fragiler Cembaloklänge dahingleitet (Mikhail Agrest und die Philharmonie Zürich folgen der Partitur feinfühlig bis in ihre kleinsten Verästelungen). Wie Lazar überrascht auch Clug mit dramaturgischer Finesse. Er lässt die Musik öfter verstummen. Dann hört man nur noch die Tänzerinnen und Tänzer, die mit ihren Atemgeräuschen einen eigenen «Soundtrack» bilden.

Ja, was wäre dieser – man darf zu den Sternen greifen – überwältigend erzählte, schlüssige «Faust» ohne seine Protagonisten. Allen voran Jan Casier, früher als «Woyzeck», jetzt als Faust ein sensibler Gestalter verschatteter Figuren; William Moore zeigt als Mephisto wohl sein bemerkenswertestes Rollenporträt in Zürich: weil er neben seiner tänzerischen Virtuosität grosse darstellerische Qualitäten zeigt, die Mephisto auch als Gebrochenen erscheinen lassen und Michelle Willems: ein Gretchen voller Unschuld; anfänglich noch kindlich verspielt, reift sie in der Kerkerszene zu grosser Entschlusskraft.

Faust Ballett Zürich. Vorstellungen im Opernhaus Zürich bis Juni 2018.