Diese Geschichte bietet Stoff für einen dramatischen Film-Plot: Eine neue Religionsgemeinschaft baut neben einem idyllischen Dorf einen Tempel. Die Ankunft der Fremden löst Unbehagen, Widerstand und abstruse Fantasien aus. Was geschieht dort genau in diesem hölzernen Kuppelbau? Woran glauben diese Menschen, wenn nicht an den katholischen Gott, der seit Menschengedenken seine schützende Hand über das Dorf hält? Zwei Jahre nach der Eröffnung des Tempels brennt dieser lichterloh.

Eine ähnlich gelagerte Geschichte erzählt die Netflix-Dokumentation «Wild Wild Country». Sie spielt in den Achtzigerjahren, als der indische Guru Baghwan auf einer Farm nahe dem amerikanischen Rentnerdorf Antelope eine Stadt für seine Kommune baut. Unsere Geschichte spielt jedoch nicht in den Weiten Oregons, sondern in den sanften Hügeln um Dornach. Der Hohepriester des neuen Tempels heisst hier Rudolf Steiner. Eigentlich wollte er sein Goetheanum in München errichten. Doch die bayrischen Behörden verhinderten den Bau.

Auf Anraten des Zahnarztes Emil Grosheintz besucht Steiner Dornach, wo jener die Villa Brodbeck als Landsitz bewirtschaftet. Da der Kanton Solothurn damals noch kein Baugesetz hat, stehen hier die Sterne günstig. Grosheintz bietet Steiner ein Grundstück an, und Steiner besucht im März 1913 zusammen mit einem Architekten erstmals das leicht hügelige Gelände im Birstal. Am 20. September 1913 findet die Grundsteinlegung für das neue Zentrum der Anthroposophie statt. Am 26. September 1920 wird das Goetheanum feierlich eröffnet. In der Silversternacht 1922 kommt es zur Katastrophe.

Ganz Basel pilgert hin

Ein Journalist der «National-Zeitung» beschreibt die letzten Stunden des Jahres 1921 in Basel so: «Gruppenweise zog die Jugend singend, lachend und grölend durch die Gassen, während auf dem Münsterplatze wie alljährlich die Menge sich besammelte, um den Choral der Posaunen auf den Türmen zu hören. Die Glocken schlugen die zwölfte Stunde. Jauchzend wünschte man sich ein glückliches neues Jahr. Strassen und Plätze schallten wider von den frohen Rufen der Menge. Da begann sich plötzlich der Himmel zu röten. War es ein Feuerwerk, wie es zur Erhöhung der Freude an grossen Festtagen beliebt ist? Immer mächtiger trat der rote Schein am Himmel hervor, bis die ganze Stadt mit den Silhouetten ihrer Dächer und Türme schwarz vor blutrotem Hintergrunde stand. Das ist kein Feuerwerk. Das ist ein Brand, ging es von Mund zu Mund, und bald wussten es die Ersten: Der Tempel der Theosophen, das Goetheanum, steht in hellen Flammen!»

In Dornach selbst wird bereits um 22 Uhr Alarm geschlagen. Ein Wächter entdeckt Rauch im Weissen Saal des Tempels. Er geht der Quelle nach und entdeckt einen Schwelbrand im Innern einer Wand. Sofort wird Steiner benachrichtigt. Der Meister selbst übernimmt die Koordination einer improvisierten Löschtruppe.

Der Feuerwehrkommandant von Dornach sitzt derweilen in der Kneipe bei einem Schoppen, als ein Knabe hereinstürmt und ruft: «Es brennt im Goetheanum!» Noch lodert das Feuer erst im Inneren des Tempels. Doch es ist zu spät. Punkt Mitternacht schiessen Flammen aus den Kuppeln des Holzbaus zum Himmel. Die Glocken der Kirche im Dorf läuten gleichzeitig das neue Jahr ein.

Die Menschen in Dornach versammeln sich in sicherer Distanz und betrachten das Inferno. Auch aus Basel strömen Schaulustige herbei. Wer den Weg nicht bereits in der Nacht auf sich nimmt, tut es am nächsten Tag. Der Korrespondent der «National-Zeitung» ist mit dabei: «Stundenlang schob sich der Menschenzug in ununterbrochener Kette den Berg empor über die lehmigen Wege und schlüpfrigen Wiesen, während ein zweiter sich ebenso ununterbrochen abwärts wälzte. Die nächtliche Phantastik des Feuers war dem trüben Tageslichte gewichen. Vom Ganzen stand nur noch der betonierte Unterbau, der wie ein Ring die schwelenden Gluten umschloss.»

Die Gerüchteküche brodelt

Noch während die letzten Rauchschwaden aus den Trümmern in den grauen Himmel des Neujahrsmorgens steigen, beginnt die Gerüchteküche zu brodeln. Was war passiert? War es Brandstiftung? Und wer hätte einen Grund dafür? Hatte nicht Max Kully aus Arlesheim seit der Ankunft der Gemeinde gegen diese gewettert und Steiners Lehren als «ernsten Irrtum» bezeichnet? Der katholische Pfarrer hatte mit einem Gesuch an die Solothurner Regierung versucht, den Bau zu verhindern. Vergebens.

Wenn nicht offen zur Schau getragene Feindschaft, so schlägt den Anthroposophen in jenen Jahren zumindest Misstrauen entgegen. Der Verdacht, dass jemand dem «heidnischen Treiben» mittels Streichholz ein Ende setzen wollte, liegt in der Luft. Nicht wenige bekunden Schadenfreude, wie beispielsweise Kurt Tucholsky: «Sein ‹Steinereanum› in der Schweiz haben sie ihm in Brand gesteckt, eine Tat, die durchaus widerwärtig ist. Es soll ein edler, kuppelgekrönter Bau gewesen sein, der wirkte wie aus Stein. Er war aber aus Holz und Gips, wie die ganze Lehre.»

Dornachs Wachtmeister – mit Namen Meister – steht vor der schwierigen Aufgabe, in den Trümmern Beweise für eine Brandstiftung zu finden. Das ist mit seinen beschränkten Mitteln jedoch schwierig. Belegt ist, dass das Feuer als Schwelbrand im Inneren einer Hohlwand anfing. Wer jedoch legt einen Schwelbrand?

Eine These setzt sich durch

Verdächtig ist, dass ein neues Mitglied der anthroposophischen Gesellschaft vermisst wird. Der Arlesheimer Uhrmacher Jakob Ott war den Anthroposophen unlängst beigetreten. Am 10. Januar werden auf der Brandstätte menschliche Knochenreste gefunden. Sie werden, ohne forensische Beweise, dem Vermissten zugeordnet. Könnte Ott, der ehemalige Katholik, der Brandstifter sein? Steiner selbst befördert diese These und bleibt zeitlebens von ihr überzeugt.

Die Schuld des Uhrmachers wird über gut hundert Jahre nicht ernsthaft widerrufen. In anthroposophischen Kreisen macht gar die These einer «Verschwörung einer verborgen wirkenden Gegnerschaft» die Runde. Thomas Meyer, Leiter des anthroposophischen Perseus-Verlags in Arlesheim, bekräftigt diese Theorie 1997 in einem Artikel im Heft «Europäer». Der Titel lautet: «Von den okkulten Hintergründen der Zerstörung des ersten Goetheanums».

Die eigentlichen Ermittlungen wurden 1922 nach sechs Wochen ohne Schuldspruch abgeschlossen. Die stolze Versicherungssumme von über drei Millionen Franken wurde ausbezahlt, das Goetheanum wieder aufgebaut. Diesmal aber aus Beton und Stahl.

Neue Recherchen zum alten Fall

Die Autorin Michelle Steinbeck hat im Auftrag des Neuen Theaters Dornach ein Stück über die Causa Goetheanum geschrieben (siehe Kasten). Im Staatsarchiv in Solothurn hat sie sich durch Ermittlungsakten, Feuerwehrberichte und Zeugenprotokolle gelesen. «Die Geschichte wurde für mich zu einer Obsession. Ich wollte den Fall lösen, stellte unterschiedlichste Thesen auf», erzählt die 28-jährige Autorin.

Gelöst hat auch sie den hundertjährigen Fall nicht. Sie ist jedoch überzeugt, dass Uhrmacher Ott nicht der Täter war. «Es ist nicht einmal bewiesen, dass es Brandstiftung war», sagt sie. Was aber auffalle, sei, dass diese These vor allem von Steiner selbst befeuert worden ist. Seine Gemeinde, Wachtmeister Meister und die Medien seien ihm bereitwillig auf dieser Spur gefolgt. «Ott war einfach der perfekte Sündenbock. Im Dorf wurde ihm übel genommen, zu den Anthroposophen übergelaufen zu sein. Für die Anthroposophen war er ein noch unbekannter Neuling.»

Für Otts Unschuld plädiert mittlerweile sogar ein Artikel, der 2007 im anthroposophischen Blatt «Das Goetheanum» erschienen ist. Was in jener Silvesternacht wirklich passiert ist, wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Das neue Stück von Steinbeck wirft jedoch ein helles Licht in die dunklen Ecken des ungelösten Falls Goetheanum.