Buchtipp
Wenn ein Baum von der Zukunft träumt: eine literarische Kostbarkeit

Die Aarauer Schriftstellerin Karin Richner erzählt in ihrem neuen Roman «Der Traum des Walnussbaums» 500 Jahre Menschheitsgeschichte. Dies tut sie nicht verklärt und übersinnlich entrückt, sondern sachlich.

Gallus Frei
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Die 40-jährige Schriftstellerin Karin Richner in ihrem Zuhause in Aarau.

Die 40-jährige Schriftstellerin Karin Richner in ihrem Zuhause in Aarau.

Bild: Dieter Kubli Bild: zvg

Knackt man eine Walnuss, sieht das Innere einem Hirn sehr ähnlich; gespeicherte Zeit – gespeicherte Erinnerung. Karin Richner hat mit ihrem neuen Roman «Der Traum des Walnussbaums» ein Buch über die Zeit geschrieben, über Erinnerungen, die mit ihr verblassen und entschwinden oder mit einem Mal wieder auftauchen. Es ist eine literarische Kostbarkeit!

Es hat acht Jahre gedauert bis zum neuen Buch der Sprachkünstlerin. Trotz seiner Erzählspanne von 500 Jahren überspannt Richner den Bogen in keiner Weise. Von 1874 bis 2351 erzählt sie von den Jahrringen einer um Dasein und Überleben kämpfenden Spezies. Ein Buch, das in sechs Kapiteln aus der Perspektive sechs verschiedener Menschen von dem erzählt, was wir in unserem Alltag viel zu leichtsinnig in Stein gemeisselt sehen: von einer Welt, die wir zu kennen glauben, einer Welt, die immer so bleiben werde.

Sachlichkeit statt entrückter Säuselei

«Der Traum des Walnussbaums» widerspiegelt etwas von dem, was passiert, wenn man durch den Wald spaziert, vorbei an all den knorrig alten Eichen, die schon so lange stehen und in ihren Jahrringen Dinge speichern, die längst jeder Erinnerung entglitten sind. Aber Karin Richner tut dies nicht verklärt und übersinnlich entrückt, sondern so wie in den drei Kapiteln vor der Gegenwart sachlich und die Wirklichkeit respektierend, auch in den drei Kapiteln in der Zukunft. Einer Zukunft, die unseren Planeten im kommenden Jahrhundert in einen Krieg der Kontinente manövriert, der «über die Erde fegt wie ein alles verschlingender Dämon». Wie sich aus der verbrannten Erde erst mit den Jahrhunderten ganz langsam wieder scheues Leben hervorwagt und das, was von der Menschheit übrig geblieben ist, sich aus den unterirdischen Bunkern wieder hervortraut.

Karin Richners Roman ist eher Entdeckerroman als Dystopie. Ein Roman, in dem jene Sorte Mensch die Hauptrolle spielt, die nicht an Macht und Reichtum interessiert ist, sondern die in erster Linie verstehen will. Die sich auf die Suche macht, die sich nicht in ein Dahinvegetieren ergeben hat, die aufbrechen will, die weiss, dass es hinter allem etwas anderes, Neues zu entdecken gibt.

Satte Bilder, dichte Sprachräume

200 Seiten für eine Reise quer durch die Zeit.

200 Seiten für eine Reise quer durch die Zeit.

Immer wieder ranken die Geschichten um das Leben in einer Universität, an dem Ort, an dem Wissen und Erfahrung gespeichert sind, an dem Menschen forschen, festhalten und kombinieren. Selbst die apokalyptischen Kriege der Zukunft werden diese Speicher der Erinnerungen nie ganz auslöschen können. Beschädigen leider schon, aber niemals dem menschlichen Hunger nach Erkenntnis entziehen.

Was neben Richners erzählerischen Wagnis aber noch viel mehr überzeugt, bewegt und fasziniert, ist eine ausgereifte, farbige Sprache. Die satten Bilder, die Räume, die sie mit wenigen Sätzen zu erschaffen versteht. Die Nähe zu den Personen, obwohl sie sich auf ein halbes Dutzend Hauptfiguren konzentriert – auf nicht einmal 200 Seiten. Man liest dieses Buch mit hochgezogenen Brauen, klappt es am Schluss nicht einfach zu, sondern schliesst es ganz langsam, um mit allen Sinnen noch lange im Nachhall dieses Kunstwerks zu bleiben.

Nachgefragt: Mit Optimismus in die Dystopie

In der Zukunft Ihres Romans hat sich der Mensch unter Kuppeln zurückgezogen, weil die Natur menschenfeindlich wurde. Ist nicht selbst dieses Szenario ein optimistisches?

Karin Richner: Dem würde ich zustimmen. Der optimistische Grundgedanke zieht sich durch den gesamten Roman, und er zeigt sich auch in diesem Szenario. Der Mensch adaptiert sich immer an veränderte Umstände und er bleibt dabei menschlich: Beziehungen, Empfindungen, die Verbundenheit mit der Natur – all das ist in seinem Kern unveränderlich.

Bücher gibt es in Ihrer Roman-Zukunft fast keine mehr. Können Sie sich eine Wohnung ohne Bücher vorstellen?

Generell denke ich nicht gerne in absoluten Kategorien. Wird die Welt der Zukunft eine bücherlose sein, wird es dafür anderes geben – Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, bevor es sie gibt, und über welche die Menschen sagen werden: Wie hat man jemals ohne sie leben können? Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich bin mit Büchern aufgewachsen, und wenn ich gegenwärtig die Möglichkeit habe, fülle ich mein Zuhause damit, aber wer weiss, welche veränderten Umstände mit dem Verlust von Büchern Hand in Hand gehen würden… vielleicht würden sie mir dann gar nicht fehlen. Veränderung war von Anfang an Bestandteil der Menschheitsgeschichte.

Zwei Männer reiten durch die Landschaft, dorthin, wo sie den Niedergang eines Meteoriten vermuten. Ist es die Gier des Entdeckers, die die Bergung dieses Steins zur Besonderheit werden lässt?

Vielleicht empfindet man einen Meteoriten als etwas Besonderes, da er lange Zeit fern von der Erde existiert hat – er stellt eine Verbindung zur Unendlichkeit des Weltalls dar. Zudem sind Meteoriten rar, und das Seltene ist immer auch etwas Aussergewöhnliches. Im Fall des betreffenden Protagonisten kommt aber ganz bestimmt auch die Persönlichkeit des Entdeckers hinzu. (fre)

Karin Richner: Der Traum des Walnussbaums. Roman. Bilgerverlag, 187 S.

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