Theaterfestival

Basler Festival: Und sie tanzen trotzdem

Das Theaterfestival Basel ist verspielt und mutig in die Ausgabe 2020 gestartet. Internationaler Austausch stand dabei im Vordergrund.

Ein Ereignis war das schon: Nach einem halben Jahr Pause trafen sich die Künstler, die Kulturfunktionäre und das Publikum endlich wieder. Das Theaterfestival Basel ist am Mittwoch gestartet, und es fühlte sich an, als ob da keine Krise wäre. Bis auf die Masken, die im Theater getragen werden müssen. Das Publikum lässt sich davon aber nicht abhalten. Die Vorstellungen des Festivals sind gut gebucht.

Und doch ist dieses Jahr fundamental anders. Festivalleiter Sandro Lunin musste wegen der Reisebeschränkungen die meisten Einladungen aus anderen Kontinenten absagen. Was dies beispielsweise für südamerikanische Künstlerinnen und Künstler bedeutet, darüber hielt die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues eine fulminante Eröffnungsrede.

Der globale Austausch, die gegenseitige Unterstützung der internationalen Theater- und Kunstszene müsse dringend fortbestehen, so ihr eindringlicher Appell. Aber zuvor musste die diesjährige Ausgabe eingetanzt werden.

Beschwingte Übungen und düstere Arte povera

Rund 50 Menschen mit Kopfhörern stehen auf der Kasernenwiese, recken die Hände zum Himmel, lassen sich zu Boden gleiten, marschieren im Gleichtakt, tanzen einfache Schrittfolgen. «Dies ist eine Übung in solidarischer Distanzierung», spricht ihnen zu Beginn eine Stimme ins Ohr.

Das Hamburger Kollektiv LIGNA hat unter dem Titel «Zerstreuung jetzt!» zur Publikumsperformance geladen. Zwölf Künstlerinnen und Künstler rund um den Globus haben kurze Anleitungen zum Tanz entwickelt. Eine Reaktion auf die Covid-19-Pandemie, ein Format, das Künstler und Publikum weltweit zusammenbringen soll. Eine Art Suche nach einer globalen Körpersprache.

Das Publikum ist aufgefordert, den Anweisungen während 60 Minuten zu folgen. Was weniger anstrengend ist als befürchtet. Die Miniaturen sind von unterschiedlicher Qualität. Mal witzig, wenn man auf allen vieren die Bewegung eines eingesperrten Tieres nachvollziehen darf. Oder wenn die Choreografie aus Japan alle Zwillinge im Publikum dazu auffordert, die Schuhe auf dem Kopf zu balancieren.

Andere Choreografien lehren ganz simpel ein paar Tanzschritte. Andere wiederum erinnern an Schauspielschulübungen, wo durch ruhigen Atem die Welt in ihrer Gesamtheit wahrgenommen oder das Ich zum Verschwinden gebracht werden soll. Alles in allem ein beschwingter, flockiger Auftakt.

Dass die Kommunikation über Kulturkreise hinweg nicht nur einfach ist, zeigt die Arbeit des Videokünstlers Ho Tzu Nyen aus Singapur. Seine überbordende Collage, ein ABC der historischen und aktuellen Machtstrukturen Südostasiens, ist beeindruckend, ohne Kenntnis der asiatischen Codes jedoch auch schwierig zu entschlüsseln.

Das Gegenteil von Unterhaltung

Die grosse Bühne gehörte am Mittwoch Mithkal Alzghair. Der in Montpellier und Damaskus ausgebildete Tänzer zeigte in Begleitung seiner Kollegen Rami Farah und Samil Taskin «Déplacement». Musik gibt es in dieser Choreografie nur als fernes Echo. Einzig Atem und Schritte der Tänzer sind zu hören. Die Rhythmen stammen aus der syrischen Musik. Die Bewegungsabläufe jedoch sind minimal, ja redundant.

Die drei Männer zelebrieren eine monotone Arte povera in Endlosschlaufen. Ihre Hände klatschen müde den Takt der verlorenen Revolution, oder markieren Fesselung und Folter. Ihre Körper sacken erschöpft zusammen, ob der Last des Grauens. Wir Syrer können nicht mehr tanzen – und tanzen trotzdem, so die Botschaft.

Eine mutige Festivaleröffnung, denn sie ist das pure Gegenteil von Unterhaltung. Und auch sie zeigt, dass wir die Kommunikation über Grenzen hinweg erst mal aushalten müssen. Der Applaus war gross.


Theaterfestival Basel
Bis 6. September. Mehr Infos: www.theaterfestivalbasel.com.

Meistgesehen

Artboard 1