Literatur

Alain Claude Sulzer: «Literatur sollte von Musik ablassen»

Der Basler Schriftsteller Alain Claude Sulzer vor dem Konzert im Stadtcasino Basel auf dem Balkon.

Der Basler Schriftsteller Alain Claude Sulzer vor dem Konzert im Stadtcasino Basel auf dem Balkon.

Die bz war mit Alain Claude Sulzer in der von Venzago vollendeten Unvollendeten. Der Schriftsteller erklärt wieso er nie versuchen würde Musik zu beschreiben.

Alain Claude Sulzer gilt seit dem Erscheinen seines Romans «Aus den Fugen» (2012) als Klassik-Autor. Kein Wunder, denn im Zentrum der verschiedenen Handlungsstränge steht ein Klavierabend in der Berliner Philharmonie. Seit dem grossen Erfolg des Buches ist Sulzer nicht nur als Essayist zu musikalischen Themen noch gefragter. Kürzlich hat er auch sein erstes Libretto fertiggestellt.

Wir wollten von ihm wissen, was den Reiz von Live-Konzerten mit klassischer Musik ausmacht. Für den gemeinsamen Konzertbesuch hat sich Alain Claude Sulzer ein Konzert des Kammerorchesters Basel unter der Leitung von Mario Venzago mit Werken von Schubert und Mozart ausgesucht.

Herr Sulzer, Sie sind ein fleissiger Konzertgänger ...

Naja, nur etwas fleissiger als andere. Ich nutze viele Gelegenheiten, kann aber durchaus mal ein paar Wochen Abstinenz üben.

Was zieht Sie denn immer wieder in die Säle? Es gibt heute sehr gute Aufnahmen. Man könnte sich ja auch zu Hause anhören, was einem gefällt?

Das tue ich auch. Im Konzert aber ist man konzentrierter. Was einen hier ablenkt, ist die Musik und nicht eine eintreffende E-Mail oder ein Gedanke, der einen dazu bringt, aufzustehen und den Raum zu verlassen.

Reizt Sie am Konzert auch die exponierte Position der Musiker und diese Spannung, ob sie reüssieren oder nicht? Darum geht es ja auch in Ihrem Roman «Aus den Fugen», wenn der Pianist mitten im Konzert abbricht und den Saal verlässt?

Die Frage nach Gelingen oder Misslingen stellt sich mir nie. Das Misslingen ist so selten, dass es keine Komponente in der Ausübung von Musik im Konzertsaal ist. Wenn etwas nicht gelingt, weiss es der Musiker schon vorher – und tritt nicht auf. Das Reissen einer Violinsaite ist im Grunde das Äusserste an Unberechenbarkeit, das während eines Konzerts passieren kann. Es wird vom Publikum meist dankbar zur Kenntnis genommen. Ein technisches Missgeschick wird zur menschlichen Regung.

Wie wurden Sie denn an das Konzert und klassische Musik herangeführt?

Ich musste nicht herangeführt werden. Eines Tages war ich einfach da. Mit fünfzehn hatte ich ein Abonnement für das Kammerorchester, das von Paul
Sacher geleitet wurde. In der Musikschule, wo ich Flöte gelernt habe, besuchte ich Konzerte der IGNM. Ich habe regelmässig Musiker wie Heinz Holliger (Oboist) und Aurèle Nicolet (Flötist) gehört.

Gehen Sie heute auch in solche Konzerte?

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, ja, zumal sich zeitgenössische Musik besser live verstehen lässt als durch Aufnahmen. Der Weg des Sinfonieorchesters Basel scheint mir richtig. Sie behandeln Werke des 20. Jahrhunderts und Repertoirestücke aus der Klassik und Romantik in ihren Programmen gleichwertig. Noch ein bisschen mehr 21. Jahrhundert würde nicht schaden. Aber da fehlt wohl auch ein reicher Mann wie Sacher, der dank seiner Beziehungen und seines Vermögens Musik in Auftrag geben konnte.

Wir haben heute Schubert und Mozart gehört. Was verbinden Sie mit diesen beiden Komponisten?

Es klingt vielleicht nicht besonders originell, aber sie gehören zu den Komponisten, mit denen ich mich immer neu auseinandersetzen kann. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Interpretationen dieser beiden Komponisten ebenso gewandelt haben wie unsere Hörgewohnheiten. Mozart hätte heute vielleicht nicht mehr jene Dringlichkeit, wenn Harnoncourt nicht das romantische Verständnis von klassischer Musik mit Paukenhieben aus unserer Vorstellungswelt verbannt hätte. Allein die Vorstellung, man würde Mozart heute noch so dirigieren wie vor 40 Jahren – und ihn so hören müssen! –, ist grauenvoll. Die Interpretation bleibt ebenso im Fluss wie die Musik. Aber eine Rückkehr zur Matthäuspassion mit einem 120 Mann starken Orchester kommt einem Selbstmordkommando gleich und auch nur noch selten vor. So will das niemand mehr hören.

Hören Sie eigentlich während des Schreibens auch Musik?

Nein, nie.

Aber Musik inspiriert Sie?

Ich finde es interessant, über Musik zu schreiben. Ich nähere mich meist über Umwege. Aber ich versuche nie, Musik zu beschreiben. Ich kenne niemanden, der das kann, aber einige, die es versuchen. Literatur soll alles versuchen, sie soll versuchen, Sex oder Gewalt zu beschreiben, aber von der Musik sollte sie unbedingt ihre Hände lassen.

Sie haben jüngst auch das Libretto für die erste Oper des Schweizer Komponisten David Philip Hefti geschrieben. Waren Sie da in Austausch mit dem Komponisten, damit der Text auch zu den musikalischen Ideen passt?

Philip und ich kamen schnell überein, eine Oper aus dem Stoff meiner Novelle «Annas Maske» zu entwickeln. Ich begann zu schreiben und schickte ihm Szene um Szene, und was ich schrieb, erzeugte, so sagt er es selbst, in ihm Musik. Der Text war also die Grundlage, auf der die Musik entstand. Es war ein Glücksfall für uns beide, zumal mich seine Musik berührt. Ihre melodischen Qualitäten üben grossen Zauber aus.

Sehen Sie denn Bilder oder Geschichten, wenn Sie Musik hören?

Nein, oder höchstens dann, wenn eine Sängerin wie Regula Mühlemann den «Hirt auf dem Felsen» singt. Da wird eine Geschichte von Erwartung und Erfüllung in idyllischer Landschaft erzählt, Jodelanklänge inklusive.

Was halten Sie von der durch Mario Venzago vollendeten Unvollendeten?

Das ist gewiss kluge musikalische Feinarbeit, aber ich werde weiterhin mit dem originalen Schubertmaterial mindestens so gut leben. Lücken sind nicht da, um gefüllt zu werden, jedenfalls nicht, wenn es sich nicht um real existierende Gebäude handelt. Mozarts Requiem oder Bergs Lulu zu vollenden, leuchtet mir ein, weil diese Werke schon so weit gediehen waren. Interessanter fand ich die Interpretation der ersten beiden originalen Sätze, vorneweg die knackige schnelle Eröffnung durch die Bässe zu Beginn des ersten Satzes, überhaupt das atemlose Tempo. Venzago interpretierte eben nicht das Werk eines Todgeweihten, sondern das Werk eines jungen Mannes, der davon ausging, sich vom Bauchtyphus, an dem er erkrankt war, zu erholen, wie er sich schon andere Male erholt hatte. Schubert war vom Tod so wenig gezeichnet wie Mozart, als er starb. Er war jung, warum sollte er an den Tod denken? Schwermütig war er auch, als er gesund war.

Was interessiert Sie eigentlich mehr an der klassischen Musik? Die Geschichten dahinter oder die Musik selbst?

Die Musik selbst. Die Entstehungsgeschichte ist ein wichtiges Faktum, auch die Lebensumstände des Komponisten, aber sie bleiben zweitrangig. Die Musik spielt ganz woanders als in ihrer historischen Zeit.

Gibt es ein bestimmtes Setting, in dem Sie gern einmal ein Konzert anhören würden?

Ja, ein altbekanntes, das leider vor sich hinsiecht. Ich meine den ungeliebten Liederabend, der in Basel noch seltener ist als die Fasnacht. Stark renovierungsbedürftig, ich weiss, aber warum versucht es niemand? Vielleicht sollten sich darüber auch die Musikhochschulen mal Gedanken machen. Dort wird täglich Lied gelehrt, aber offenbar nicht, wie man es vermittelt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1