Ausstellung
Ai Weiwei ist ein Meister der Architektur-Utopien

Das Kunsthaus Bregenz zeigt in «Art/Architecture» geträumte und realisierte Projekte des vielseitigen Künstlers.

Sabine Altorfer
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Ai Weiwei im Kunsthaus Bregenz
7 Bilder
 Atelierkomplex Shanghai.
 Ordos 100.
 Moon Chest.
 Porträtfoto Ai Weiweis von Rudolf Sagmeister.
 Five Houses.
 Nationalstadion.

Ai Weiwei im Kunsthaus Bregenz

Aargauer Zeitung

Ai Weiwei ist der grosse Abwesende – auch bei der Eröffnung seiner neuen, grossen Ausstellung in Bregenz. Der chinesische Künstler ist am 22. Juni freigelassen worden – gegen Kaution von umgerechnet 1,5 Millionen Franken und dem Versprechen, über seine Haft zu schweigen. Reisen darf er nicht – unklar ist auch, wann er seine Professur an der Berliner Universität der Künste (UdK) antreten wird. «Ich werde reisen, wenn mir erlaubt wird, China zu verlassen», sagte der Künstler der Agentur dpa.

Das Schicksal des prominenten Dissidenten beschäftigt die Leute, und das Kunsthaus Bregenz bekommt Gratis-Marketing. Die Plakataktion in der Stadt mit gut gemeinten, aber peinlichen Kalauern wie «Why Ai Weiwei?» hätte es nicht gebraucht.

Schwierig waren die Vorbereitungen. Das Herzstück der Ausstellung war zum Zeitpunkt von Ais Verhaftung im April noch in China, Ais Atelier wurde beschlagnahmt. Die vier Container Material konnten dennoch nach Bregenz ausgeschifft werden. «Aber fragen Sie nicht wie», sagte Direktor Yilmaz Dziewior vor den Medien.

«Art/Architecture» heisst die von Ai Weiwei mitkonzipierte Schau. Architektur ist neben Aktionen, Fotografie, Skulptur, Blogs ein zentrales Arbeitsfeld des engagierten Künstlers. Gereizt habe Ai, im Kunsthaus von Peter Zumthor Architektur zu zeigen, so Dziewior. «Schliesslich sind Zumthor und Ai in gewissem Sinne verwandt, etwa bei der Materialwahl oder ihrer Vorlieben für minimalistische Formen.» Bei der Ausführung hört die Analogie aber auf: Zumthor ist Perfektionist, Ai Animator, Moderator und Berater. Dementsprechend fokussiert die Ausstellung auf architektonische Arbeiten, die Ai in Kollaboration mit Architekten entwickelt hat.

Bezüge zur Schweiz

Gewisse Projekte von Ai sind bekannt – allen voran seine Zusammenarbeit mit dem Baseler Büro Herzog und de Meuron beim Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008 in Beijing. Modelle und Studien sind als Auftakt auf Tischen angehäuft, monumentale Fotos feiern den Bau. Bekannt ist auch die Studie für ein neues Quartier in der Stadt Jinhua, wie es damit weitergeht aber nicht. «Wahrscheinlich wird es schon noch gebaut», meinte Kurator Rudolf Sagmeister.

Die Kooperationen mit dem jungen Basler Büro HHF sind kleiner, aber überaus faszinierend. Five Houses, ein aus drei schlichten Modulen aufgebautes variierbares Haus, will ein amerikanischer Kunstsammler gleich in fünf Varianten bauen. Durch ihre klare Sprache und günstige Ausführung überzeugen auch zwei völlig unterschiedliche Häuser für Kunstsammler in den USA: die «Art Farm» in Form von Maschinenhangars und ein mehr als grosszügiges Weekendhaus aus mit Metall verkleideten und untereinander verbundenen Kuben.

Im Vergleich dazu mutet das Projekt «Ordos 100» mehr als utopisch an. Ordos ist eine dank Bodenschätzen boomende Millionenstadt in der chinesischen Mongolei. Ai sollte ein Villenquartier entwerfen mit 100 Bauten für je 1,5 Millionen Franken, so Sagmeister.

Klammer zwischen Ost und West

Ai, der Vermittler zwischen Ost und West, wollte nicht selber planen, sondern bat Herzog und de Meuron um die Namen von jungen Architekten. Diese lud er ein, die Brache in den Dünen zu besuchen, über die Entwicklung des Quartiers zu diskutieren und je eine Villa zu planen. «In China baut man, aber denkt zu wenig. In Europa diskutiert man unendlich, aber baut nichts», zitierte Sagmeister Ai Weiwei.

Doch wie stellt man so etwas aus? Da kam der Künstler Ai Weiwei zum Zug. Im Raum lagert ein riesiges hölzernes Modell, in dem einzelne Villen als volumetrische Körper eingesetzt sind. Durch seine Grösse und Materialität – Holzduft erfüllt den grossen Raum – schmeichelt es den Sinnen. Informativer sind die 100 Weltformat-Plakate mit den Projekten. Welche Fantasie, welcher Formenreichtum: Quader, Kugel oder Pyramide, Festung, Pavillon oder Wabenhaus. Die Projekte gibt es also. Und nun? Es gebe Schwierigkeiten mit den Behörden, sagte Ais Assistent. Ob die Villen je in den mongolischen Dünen stehen werden oder die ambitiöse Idee versandet? Wir wissen es nicht.

Der Utopie stellt Ai im obersten Geschoss realisierte und künstlerisch uminterpretierte Vergangenheit entgegen: acht monumentale «Mond-Schränke mit runden Öffnungen. Sind sie Skulptur, Möbel oder architektonische Geste?

Eindeutig ist Ai Weiwei in der Architektur selten – es geht eher um materialisierte Diskussionen als um Realisationen. Diese Unbestimmtheit, diese Heterogenität und diese mit grossem Elan angepackten und selten zu Ende geführten Arbeiten hinterlassen auch ein schales Gefühl. Nur Denken und Diskutieren sind laut dem Künstler typisch europäisch. In Bregenz erleben wir Ai Weiwei demnach sehr europäisch.

Ai Weiwei Art/Architecture. Kunsthaus Bregenz, bis 16. Oktober. www. kunsthaus-bregenz.at

Zu sehen ist Ai Weiwei auch im Kunstmuseum Luzern (bis 2.10.) und im Fotomuseum Winterthur (bis 21.8.).

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