Wer sich äussert, setzt sich auch mal in die Nesseln. So geschah es Adolf Muschg, als er die Missbrauchsvorwürfe gegen den Schulleiter der Odenwaldschule mit «pädagogischem Eros nach Platon» herunterspielte. Dass er auch viel Sinnvolles, Anregendes und Denkenswertes geschrieben hat, zeigt die Sammlung von Reden und Essays aus den Jahren 2002–2012, die nun aus Anlass seines achtzigsten Geburtstages erscheint.

Statt eines Vorworts erzählt der Autor, wie seiner Frau im Prado die Handtasche gestohlen wurde. Grund dafür war das Versinken in Gedanken über Diego Velázquez’ Gemälde «Las Hilanderas». Welches Talent zur Gedankenversunkenheit der Autor an den Tag legt, wird auch in seinem Essayband erfahrbar. Da gleitet Muschg von der Schilderung eines Bildes zu Ovids Metamorphosen, zu Sozialkritik, Hegel, Gottfried Keller und Voltaire, und landet schliesslich bei den grossen Fragen der Menschheit: Was ist Kunst? Was Unsterblichkeit? Wo braucht es Toleranz?

Man freundet sich mit Muschgs komplizierten Essays erstaunlich schnell an. Und gleichgültig, wovon sie handeln, sind sie zugleich erzählerisch und analytisch. Denn Adolf Muschg gehört zu der kleinen Schar von öffentlichen Intellektuellen, die sich weder im Gekrümel des Spezialistentums verlieren noch im Fantasierten verplaudern. Seine Essays verhehlen nicht die Kulisse akademischer Theorie und den Beistand einer Handbibliothek, in der wohl die Werke der Antike und der deutschen Klassiker prominent vertreten sind. Zugleich sind sie aber vollkommen persönlich – verfasst in der ersten Person Singular, eingenäht in die Chronik laufender Lebens- und Lese-Erfahrung.

Adolf Muschg: «Im Erlebensfall –
Versuche und Reden 2002–2013»,
Beck, 2014. ca. 37.- Fr.