Den entscheidenden Satz sagt Architekt Peter Zumthor. «Wer baut, schneidet ein Stück aus der Unendlichkeit.» Man definiere mit Wänden und Dach ein fassbares Stück im nicht fassbaren Universum, unterstreicht er mit einer beredten Geste. Ein schönes Bild und gleichzeitig die Erklärung von Christoph Schaubs Anliegen als Regisseur. In seinem neuen Dok-Film geht es nicht um ein Bauwerk, sondern um nicht weniger als die Suche nach spirituell wirksamen Räumen sowie um die Frage, wie man Unendlichkeit fassen und die eigene Endlichkeit ertragen kann.

Ein grosses Thema. Und heikel. Heikel, um nicht in esoterische Sphären abzudriften. Und heikel auch, weil der Anstoss aus der eigenen Biografie des Regisseurs stammt. Aus einem unverdauten Erlebnis des Buben Christoph beim Tod seines Vaters.

Der Film umgeht die Falle von Esoterik, Larmoyanz oder Pseudophilosophie geschickt – und Gefahr von religiösem Geraune besteht beim Agnostiker Schaub sowieso nicht. Der Regisseur setzt auch diesmal auf die Stärke von Architektur, Kunst und ihre Schöpfer, um sich dem Geheimnis magischer Räume anzunähern.

Leere und Licht

Mit Peter Zumthor, Peter Märkli und Álvaro Siza Vieira rückt er drei erfahrene Architekten und Redner in den Mittelpunkt, zeigt deren Kirchen und bei Märkli den von romanischen Kirchen beeinflussten Museumsbau für Hans Josephson in Giornico. Wir lernen: Die wichtigsten Ingredienzien für Erhabenheit sind Leere und Licht. Zumthors Bruder-Klaus-Feldkapelle im deutschen Mechernich ist von aussen ein fünfkantiger, monolithischer Turm, innen glaubt man sich in einer rohen Höhle. Licht fällt von oben. Da suchen wir die Unendlichkeit, das zeigt Kameramann Ramon Giger in ruhigen Bildern.

Das Licht ist Leitfaden des Films. Von den verschlossenen romanischen Kirchen über die lichtdurchfluteten gotischen Kathedralen und zeitgenössischen Bauten bis zu den Licht-Pilgerstätten des Künstlers James Turrell und den geheimnisvollen Unterwasser-Skulpturen der Künstlerin Cristina Iglesias. Den Bauten werden Bilder von spielenden Kindern gegenübergestellt, die spielerisch Räume erkunden oder Sandburgen bauen. Unverzichtbar als Metapher des Universums ist die Natur: Wolken tragen Gleitschirmflieger, der Wald steht im Gegenlicht, Wellen brechen sich unermüdlich, unendlich ...

Der Film bietet uns schöne Bilder voller Erhabenheit und Ruhe. Man sieht gerne zu, erlebt besinnliche anderthalb Stunden. Aber verlässt man ihn mit neuen Erkenntnissen, neuem Glauben?

Architektur der Unendlichkeit (CH 2018, 85 Min.). R: Christoph Schaub. Ab Do, 31. 1., im Kino.