Theater Basel
Kräftemessen auf der Bühne: Tanzen bis zur Erschöpfung

Im Rahmen von «Off/Limits» feierten am Theater Basel «Titan» und «Territory» Premiere. Dabei werden die Tanzstile des traditionellen Balletts und des neuartigen Streetdance subtil gegeneinander ausgespielt.

Bettina Hägeli
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Plötzlich brandaktuell: In «Territory» geht es um die Einnahme von fremdem Gebiet und Möglichkeiten des Widerstands.

Plötzlich brandaktuell: In «Territory» geht es um die Einnahme von fremdem Gebiet und Möglichkeiten des Widerstands.

Lucia Hunziker

Am vergangenen Samstagabend verdeutlichten Edouard Hue und Muhammed Kaltuk, wie hartnäckig sie nach dem präzisen Ausdruck suchen. Dabei gelingt es den beiden, ihre Visionen auf die Ensembles zu übertragen. Mit «Titan» hat Hue eine Tiefe erarbeitet und Kaltuk mit «Territory» eine Körpersprache, die von einer engen Zusammenarbeit mit ihren Tänzern zeugen.

Ihren Ursprung haben die Tanzkarrieren von Hue und Kaltuk im Hip-Hop. Auf ihrem Weg in Richtung Choreografie entwickelten sie ihre Repertoires weiter, ohne dabei ihre Wurzeln zu vergessen.

Einflussreiche Beats für den Titan im Meer

Die Einordnung in Genres ist Edouard Hue unwichtig. Ihn interessiert vielmehr die Qualität der Bewegung, die zum Ausdruck bringt, was ihn persönlich beschäftigt: «Ich vertraue darin, dass das, was mich gegenwärtig emotional bewegt, auch andere beschäftigt.»

Es ist eine Intuition, die äusserst stimmig ist: Seine Vision setzt nicht nur ein Ensemble von neun Körpern in Bewegung, sondern auch das altersdurchmischte Premierenpublikum: Beats verleihen dem Titan, einem riesenhaften Organismus, den Puls. Die Atmosphäre atmet fortwährend.

Derweil wirkt ein Dröhnen auf die neun Fühler des Giganten in der Tiefe des Meeres ein. Und obschon sich die Fühler aufbäumen, werden sie niedergestreckt. Oder sind es gar neun ferngesteuerte Marionetten?

Kleinstwesen werden wieder Teil der Gruppe

Egal: Ausgemergelte Körper befinden sich auf einem Exodus, Sterbende erstehen wieder auf. Was fehlt, ist die Menschlichkeit. Nicht wissend, wodurch die Körper alle gleichzeitig gesteuert werden, sieht man Zwänge, Einschränkungen, die degenerierend wirken. Und gleichwohl scheren Einzelne und Paare aus. Sich liebende Seepferdchen, die wiederum an ozeanische Mikroorganismen erinnern, die in der Menge ein grosses Ganzes bilden. Die Kleinstwesen werden wieder an die Gruppe angeschlossen und bringen neue Informationen mit. Die Überlebensfähigkeit erstarkt. Der Titan hält den äusseren Bedingungen stand.

Edouard Hues eindrückliche Choreografie «Titan» mit Musik von Jonathan Soucasse zieht uns geheimnisvoll in ihren Bann. Fasziniert und wie in Trance sieht man dem aus neun Tanzenden bestehenden Körper zu.

«Territory» von Muhammed Kaltuk fordert das Publikum nach der Pause dann heraus, sich für eine gänzlich andere Form von Ausdruck zu öffnen: Kaltuk interessiert sich für die Fusion verschiedener Tanzstile. Kaltuk sagt: «Von klein auf beschäftigt mich die Tatsache, dass die Menschen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit haben. Territorien und Grenzen beeinflussen die Gesellschaft, fangen aber beim Individuum an.»

Eine Bühne mit einem Eigenleben

Eine Barrikade wird von Soldaten belagert. Langsam hebt sie sich. Der Blick auf eine weisse Bühne mit Hip-Hop-Tänzerin wird frei. Als das Territorium erobert ist, streifen die Soldaten der Tänzerin eine ihrer Westen über – offensichtlich widerstandslos. Doch das täuscht: Mittels gewaltfreien Prozesses werden die Tanzstile des traditionellen Balletts und des neuartigen Streetdance subtil gegeneinander ausgespielt. Einige laufen zum Hip-Hop über, andere unterwerfen sich mit Unbehagen den Traditionen, wieder anderen wird der Spass an der Bewegung aberkannt. Immer wieder setzten sich die neuen Rhythmen durch, aber das Klassische hat Bestand. Doch auch die Letzten schälen sich noch mühsam aus ihren alten Westen. Vertraute Bewegungsmuster werden verzweifelt abgestossen. Es wird bis zur Erschöpfung getanzt und der Spass am Neugefundenen demonstriert.

«Territory» von Muhammed Kaltuk ist geprägt durch das Musikarrangement von Tobias Herzog. Auszüge aus Max Richters neukomponierter Version von Vivaldis «Die Vier Jahreszeiten» werden mit Songs der Rapperin Missy Elliott kombiniert. Das Kräftemessen auf der Bühne wird getragen von der Plattform (Bühne: Lukas Marian), die ein Eigenleben geniesst. Sie klappt zu, wenn sie den Tanzenden kein Podest mehr sein will, damit diese ihre eigene Tanzsprache suchen. Gemeinsam mit dem Ballettensemble entwickeln die fünf Streetdancer von Kaltuks Company MEK eine bewegende Integration: «It’s nothing more than a line.» (Es ist nichts weiter als eine Linie.)

Die Standing Ovations und Bravorufe zum Schluss sind wohlverdient. Die Choreografen und Tänzerinnen haben Grosses geleistet.

«Off/Limits» Kleine Bühne. Nächste Vorstellungen: 1., 3. und 4. März. www.theater–basel.ch

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