Filmstart
Mit Schamhaartoupet und trotziger Attitüde: Eine Baselbieterin erobert Berlin

Lia von Blarer aus Aesch sorgt mit ihrem Auftritt in der TV-Serie «Eldorado KaDeWe» in Deutschland für Aufsehen. Nun feiert die Schauspielerin mit dem Film «Youth Topia» in der Schweiz Premiere.

Mélanie Honegger
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Schauspielerin Lia von Blarer in Basel.

Schauspielerin Lia von Blarer in Basel.

Juri Junkov

Auf der Leinwand ist Lia von Blarer eine andere. Das rote Haar zu einem strengen Zopf geflochten, die Lippen geschürzt, motzt sie ihre Gang an. «Youth Topia» heisst der Film, mit dem der deutsche Regisseur Dennis Stormer vergangenes Jahr am Zurich Film Festival Premiere feierte. Ab morgen läuft der Film im Kino. Von Blarer, in Aesch aufgewachsen, in Berlin geschult, ist damit auch in der alten Heimat wieder einmal zu sehen.

Die Baselbieterin hat mit 29 Jahren das geschafft, wovon viele, sehr viele andere träumen: Sie hat im internationalen Filmgeschäft als Schauspielerin Fuss gefasst. Ihr halbes Leben verbringt sie nun schon in Berlin, lebt alleine in Neukölln. Dreizehn Mal musste sie an einer Schauspielschule vorsprechen, ehe sie ihr Studium in Rostock aufnehmen konnte.

Kämpft mit dem Erwachsenwerden: Lia von Blarer als Wanja in «Youth Topia».

Kämpft mit dem Erwachsenwerden: Lia von Blarer als Wanja in «Youth Topia».

zvg/tellfilm GmbH

«Alles unter zehn Mal ist Glück, mehr als zwanzig Mal ist Pech», sagt sie lächelnd. Das Baseldeutsch sitzt immer noch, nur manchmal klingt das «ä» mehr nach «e».

Mit fünfzehn Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen

Als sie ihr Studium mit 21 Jahren aufnahm, lebte sie bereits seit sieben Jahren in Deutschland. Mit fünfzehn Jahren zog sie vom Elternhaus in ein Internat auf einer Insel im Tegeler See im Norden Berlins. «Kein Eliten-Teil, ein staatliches Gymnasium», schiebt sie nach. «Sehr irritiert» seien die Eltern über diesen Schritt gewesen, erinnert sich von Blarer im Gespräch. «Ich habe die Schweizer Schule immer als autoritär wahrgenommen», erzählt sie, «von aussen wird bestimmt, wer du bist».

In «Youth Topia» kümmert sich Wanja um den eigenen Vater.

In «Youth Topia» kümmert sich Wanja um den eigenen Vater.

zvg/tellfilm GmbH

Das heisst nicht, dass ihre Schulzeit eine Tortur war. Im Jugendclub in Aesch und am Theater Basel sammelte sie ihre ersten Bühnenerfahrungen. Mit dem Wunsch, Schauspielerin zu werden, sei sie allerdings oft nicht ernst genommen worden. Dabei habe sie schon früh verstanden, dass ihr Leben zu kurz sei, um alles zu werden, was sie sein wollte. «Als Schauspielerin kann ich alles erleben. Ich kann eine Bank überfallen und zugleich die Polizistin sein.»

«Es musste einfach funktionieren»

Der Vater Ethnologe, die Mutter Pflegeleiterin, hätten zwar durchaus einen Bezug zu Kunst und Kultur, kämen aber aus einer anderen Welt.

«Meine Eltern haben sich gefragt, woher dieser Wunsch kommt. Aber sie liessen mich machen.»

Ein Jahr später wohnte von Blarer alleine in ihrer eigenen Wohnung in Berlin, mit 16 Jahren. Berlin war die grosse Freiheit. «Hier ist man einfach der Mensch, der man gerade ist», sagt sie. «Das darf sich auch ändern. In der Fremde kannst du dich selber neu gestalten.»

Charlotte Gainsbourg? Nein, es ist Lia von Blarer – im Mantel, den die Mutter geschneidert hat.

Charlotte Gainsbourg? Nein, es ist Lia von Blarer – im Mantel, den die Mutter geschneidert hat.

Juri Junkov

Einen Plan B gab es nicht. In Berlin studierte sie übergangsmässig Gender Studies, Anglistik und Sozialwissenschaften. «Mega spannend» sei das gewesen, «aber ich habe nur aufs nächste Vorsprechen an der Schauspielschule gewartet.» Retrospektiv sagt sie, sie habe sich vielleicht auch einfach nicht getraut, diesen Plan infrage zu stellen.

«Es musste einfach funktionieren. Deswegen war ich ja nach Berlin gekommen.»

Die Familie blieb derweil immer wichtig. Seit einem Jahr ist Lia von Blarer Tante eines kleinen Mädchens, an diesem warmen Osterwochenende im April ist sie zurück in Basel, bei Eltern, Bruder und Freunden. «Ich war erstaunt, wie sehr mich das berührt hat», sagt sie über die ­Geburt ihrer Nichte. Sie merke, dass sie da sein und teilhaben möchte. Es ist eine warme, feinfühlige Seite, die im Gespräch schnell spürbar wird – anders als in «Youth Topia», wo die Schauspielerin ziemlich derb auftritt.

Bei Sexszenen hilft das Schamhaartoupet

Auf eine einzige Rolle oder gar auf eine bestimmte Körperlichkeit lässt sich von Blarer ohnehin nicht reduzieren. In der ARD-Serie «Eldorado KaDeWe» (2021) tritt sie als Frau in den 1920er-Jahren auf, die sich in ihre Kollegin verliebt. Die TV-Kritiken waren euphorisch, bisweilen aber auch regelrechte Verrisse.

Ein «Serienjuwel», schrieb die deutsche «taz». Andere Medienschaffende zeigten sich derart geschockt über den lesbischen Sex, dass sie Interviews absagten. Klar ist: Innerhalb von drei Wochen erreichte die Sendung in der ARD-Mediathek 5,1 Millionen Aufrufe.

Fritzi (Lia von Blarer, l.) und Hedi (Valerie Stoll) in «Eldorado KaDeWe».

Fritzi (Lia von Blarer, l.) und Hedi (Valerie Stoll) in «Eldorado KaDeWe».

zvg/ARD/Degeto Film GmbH

Viel Raum in der Serie und in den Kritiken erhalten die ­expliziten Sexszenen der zwei Frauen. Für Lia von Blarer fast schon Routine. «Ich bin ja nicht ganz nackt», sagt sie und grinst.

«Bei den Sexszenen in Eldorado ‹KaDeWe› trage ich ein Schamhaartoupet. Das bin dann nicht mehr ich, selbst mein Körper ist nicht mehr wirklich meiner.»

Auch ihr erster Film­auftritt ist bezeichnend: 2013 war sie in der Verfilmung von Charlotte Roches Roman «Feuchtgebiete» zu sehen, der Körperlichkeit und Sexualität tabulos zeigt.

«Zum Kotzen»: Sexismus bei Aufnahmeprüfungen

So abgeklärt ihr Umgang mit dem eigenen Körper auch ist: Bei Sexismus in der Filmbranche kennt von Blarer knapp fünf Jahre nach Me Too kein Pardon. Besonders drastisch sei die Situation bei Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen. «Mir haben Frauen erzählt, sie seien abgelehnt worden mit den Worten: ‹Komm wieder, wenn du abgenommen hast›.» Furchtbar sei das, «zum Kotzen».

Ihr selber sei dergleichen zum Glück nie passiert. Dass es seit einigen Jahren nun aber einen «Intimacy Coordinator» am Filmset gibt, sei eine grosse Erleichterung. «Von A bis Z ist alles genau geprobt», so von Blarer.

«Vor dem Dreh einer Intimszene stecken wir gemeinsam genau ab, wo die eigenen Grenzen sind.»

Das sei vergleichbar mit einer Stuntprobe. «Wir machen dann ab, hier kannst du mich anfassen, hier nicht.»

Je besser man die Grenzen der anderen Person kenne, desto einfacher sei es, mit dem Dreh einer Szene umzugehen. Sie wolle keine Figur um ihren Körper bringen – wenn eine Sexszene inhaltlich begründet sei, dann sei ihr der Dreh auch nicht peinlich.

Die Charlotte Gainsbourg der Schweiz

Die Arbeit mit der Kamera ist sich die Baselbieterin längst gewohnt. Wenn sie sich vom bz-Fotografen ablichten lässt, bietet sie Orte und Posen an, steht mal lässig im Eingang des Cafés «Zum Kuss» oder blickt herausfordernd über die Schulter.

Ob es die unaufgeregte Art ist, den eigenen Körper zu in Szene zu setzen? Der Körperbau? Oder doch der trotzige Blick und das verwuschelte Haar? Immer wieder, wenn ein Text über Lia von Blarer erscheint, fällt der Name einer französischen Kollegin. «Sieht aus und spielt wie Charlotte Gainsbourg», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Für «Watson» ist Lia von Blarer in «Eldorado KaDeWe» schlicht eine «Charlotte Gainsbourg der Roaring Twenties».

Von Blarer vor dem Café «Zum Kuss» in Basel.

Von Blarer vor dem Café «Zum Kuss» in Basel.

Juri Junkov

Sie selbst meint bloss: «Eigentlich ist es doch komisch, dass es einen Vergleich braucht.» Schubladen seien in der Schauspielerei wahnsinnig uninteressant.

«Ich finde Charlotte Gainsbourg toll, aber sie gehört in kein Möbelstück.»

Steter Drang nach Autonomie

Die Schauspielerin strahlt eine angenehm raue Natürlichkeit aus, eine Zufriedenheit mit sich selbst und eine leicht störrische Attitüde, wenn es um ihre eigene Meinung geht. «Wenn ich etwas nicht gut finde, merkt man mir das an», sagt sie. «Andere Kolleginnen und Kollegen haben es technisch so gut drauf, dass sie easy peasy was raushauen und es ist ihnen völlig egal, ob ihnen das passt. Ich ticke da anders.»

Von Blarer möchte mehr. Sie träumt davon, künftig auch in der Regie oder Dramaturgie tätig zu sein. Nach einem Erasmussemester in Paris kann sie sich vorstellen, irgendwann auch in Frankreich zu arbeiten – «dort gibt es noch einmal ein anderes Lebensgefühl». Dass sie ins Land der Gainsbourgs passt, darüber sind sich ja bereits heute alle einig.

«Youth Topia»
Ab 5.5. im Kultkino Basel.
www.kultkino.ch

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