Familiengeschichte
Ein Basler Blick auf die Pandemie: Das Ende ist der Anfang der Geschichte

Der neue Roman des Baslers Michael Düblin ist ein atemberaubendes Roadmovie durch unsere Zeitgeschichte.

Judith Schifferle
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Michael Düblin.

Michael Düblin.

Noemi Lea Landolt

Was für Geschichten können das sein, die «ausserhalb des Erzählens» liegen? Liegen sie ausserhalb des Erzählbaren oder ausserhalb des Erzählten? Auf alle Fälle haben wir es beim neuen Roman von Michael Düblin mit einer unerhörten Erzählstimme zu tun.

Gute zeitgenössische Literatur bleibt immer aktuell; und in Düblins «Geschichte nach der Geschichte» vernimmt man die Tagesaktualitäten, als stammten sie von heute früh: «Die Waffenexporte hatten um 43 Prozent zugenommen […] und die Zahl der Ansteckungen mit dem neuen Virus […] Wie jeden Morgen warf er einen Blick auf die Zierkirsche vor seinem Fenster […] Er dachte sich sein Leben im Schatten dieser Äste.»

In dichter und lakonischer Sprache erzählt Düblin eine Familiengeschichte entlang tragischer Risse kleinbürgerlicher Routine. Düblins Protagonist ist ähnlich den Hauptfiguren in seinen fünf früheren Romanen auf der Suche nach sich selbst – oder hat sich in seinem Leben verrannt.

«Im Gegensatz zu den anderen Romanen habe ich bei diesem Text keine weitere Ebene zwischen Handlung und Setting gelegt, um Authentizität entstehen zu lassen» sagt der Autor. «Die Geschichte an sich ist Fiktion, aber das Haus ist real. Und in Häusern spielen sich Geschichten und oft auch Tragödien ab.»

Hadern während Corona

Als Buchhalter Lukas Berger endlich in Italien ankommt, ist man auch als Leserin mitgereist und beginnt zu verstehen, was die italienische Ortschaft im Basler Alltag des Bürolisten so Tiefgründiges verloren hat.

Berger hätte jedes Angebot abgelehnt, seine italienische Geschichte nochmals von vorn zu erzählen. Aber Erinnerungen fragen nicht, sie schlafen zuweilen nur. Und es wäre kein guter Text, schon gar nicht ein bildstarker wie dieser, wenn Rückblenden anmuteten wie kalter Kaffee. Diesen hatte Berger bereits genug auf den ersten Seiten getrunken, als noch zu Hause die Mitteilung aufblinkt: «Nicco è morte.»

«Der Kaffee schmeckte ihm auch am nächsten Morgen nicht. Und die Zeitung war nicht aktueller als die Ausgabe von gestern.» Es ist der 5. März 2020 und die Presse vermeldet 85 Coronainfizierte. In Italien wird alsbald die Ausgangssperre verkündet und Berger hadert mit seinem Job, im Grunde mit seinem ganzen Leben.

Als wäre die Zeit samt Düften stehen geblieben

Seit dem Unfalltod seines Sohnes Simon unweit des Hauses am Strand hat Berger das Haus in Italien nicht mehr betreten. Das war vor zwanzig Jahren. Kurz danach heuerte er einen Makler an, der das Haus hätte verkaufen sollen. Als Vater konnte er keine Nähe zum Unfallgeschehen seines Sohnes mehr aushalten. Aber seine Frau Elena stellte sich dagegen. Schliesslich übernahm Nicco das Haus; ein Freund der Familie, der jetzt tot ist.

Lukas findet sein ehemaliges Haus vor, als wäre die Zeit samt Düften von damals stehen geblieben. Auf hundert Seiten schildert Düblin in atemberaubenden Spannungsbögen 30 Jahre Familiengeschichte an lediglich fünf Tagen im März 2020. «Ich werde sentimental», dachte Lukas nach der Ankunft in seinem ehemaligen Haus, «Kaffee ist Kaffee.» Aber der Kaffee aus derselben Maschine wie in Basel schmeckte nun doch anders in Italien.

Ein Meister der Verdichtung

Womöglich hätte ein vollständiger Satz anstelle des harten «No!» und des Ruderns mit den Armen Simon das Leben gerettet? Als Berger endlich die ganze Unfallgeschichte seines Sohnes erzählt hat, muss er die Geschichte am Ende des Buches doch wieder «neu erzählen».

Was Düblins Text so hinreissend macht, liegt in der Kürze. Man hört seinen Sätzen den Songtexter an, der Düblin in frühen Jahren gewesen war, und der Gewichtung einzelner Worte den Lyriker, als der er sich einen Namen gemacht hat. Dass er aktuell immer drei oder vier Romanthemen gleichzeitig im Kopf herumtrage, er sich aber aus Zeitgründen aber immer auf ein Projekt beschränken müsse, macht den Basler Autor, der zudem als Informatiker tätig ist, mit diesem jüngsten Prosatext zum Meister der Verdichtung.

Michael Düblin: «Die Geschichte nach der Geschichte», Zytglogge 2022, 104 S.

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