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Als in der Steinen ein Elefant verschwand: Die wechselvolle Geschichte des «Kiechli»

Das Basler «Küchlin»-Variété gehörte zu Europas Topadressen für leichte Unterhaltung. So trat beispielsweise Josephine Baker auf und im Keller hausten Krokodile.

Christoph Dieffenbacher
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Historische Aufnahme des Variété-Theaters in der Steinenvorstadt.

Historische Aufnahme des Variété-Theaters in der Steinenvorstadt.

Staatsarchiv Basel-Stadt

Der Eröffnungsabend am 1. September 1912 im glanzvoll ausstaffierten Variété-Theater begeisterte alle: Ganz im Stil des Zeitgeschmacks führten hier «Turnkünstler», eine «Verwandlungstänzerin» und ein «Dressurclown» samt klavierspielendem Pudel ihr Können vor. Ein ehemaliger Hofviolinist spielte auf und eine Jongliertruppe wirbelte Fächer und Reifen durch die Luft. Zum Abschluss bekamen die geladenen Gäste Kurzfilme zu sehen.

Bei der Vorstellung wurde im Parterre des «Küchlin» an weiss gedeckten Tischen gegessen, getrunken und geraucht, während weiteres Publikum in den oberen Rängen Platz fand. Die im Raum verteilten Glühbirnen hätten «ein Meer von Licht über den Theatersaal ausgegossen», schwärmten die «Basler Nachrichten» nach der Eröffnung.

Vorgängerlokale Cardinal und Konzerthaus St.Clara

Gegründet hatte das Theater der Lörracher Karl Küchlin (1864–1935), gelernter Metzger und umtriebiger Wirt, der später europaweit in Sachen leichte Unterhaltung unterwegs war. Für die Konzession in Basel hatte er dem Polizeidepartement «einen tadellosen Leumund» und eine «musterhafte Leitung» vorzulegen. Das Haus des Variété-Pioniers konnte mit den Etablissements im Ausland mithalten. Als gemachter Mann zog er sich nach einigen Jahren als Direktor zurück.

Das «Küchlin» war derweil keineswegs Basels erstes Vergnügungslokal. Das «Cardinal» an der Freien Strasse und das Konzerthaus St.Clara im Kleinbasel feierten zuvor erste Erfolge. Obwohl Variété vor allem von durchreisenden Zirkussen gezeigt wurde, lagen ganzjährig betriebene Bühnen im Trend. Mit bis zu 1500 Plätzen und grosszügiger Ausstattung samt neuester Technik war das «Küchlin» die wichtigste und langlebigste.

Der Plan war mutig: Die Steinenvorstadt, damals ein Arbeiter- und Gewerbequartier neben dem offenen, stinkenden Birsig, hatte nichts Glamouröses. Zudem kam es bereits beim Baugesuch zu Konflikten mit dem Stadttheater. Dieses konkurrenzierte seinen – auch in der feinen Gesellschaft – beliebten, aber kulturell anspruchsloseren Nachbarn.

Auch heute noch einer der schönsten Kinosäle: das Pathé Küchlin.

Auch heute noch einer der schönsten Kinosäle: das Pathé Küchlin.

Zvg/Beat Schwald

Geschickt verband Küchlin den Geschmack der Masse mit kaufmännischem Kalkül, wie der Basler Theaterwissenschafter Thomas Blubacher in einem neuen Buch zeigt. Es beleuchtet die frühen goldenen Jahre des Variétés, als leichte Musik, anmutiger Tanz, kühne Akrobatik und lustige Clownnummern die Kassen klingeln liessen. Auf dem Programm standen auch Opern, Operetten und Schwänke, und Box- und Ringkämpfe sorgten für Abwechslung.

Im Keller hausten Löwen und Krokodile

Zeitweise beschäftigte das Variété gar ein eigenes Orchester. Ab den Zwanzigerjahren traten Weltstars wie Josephine Baker, Maurice Chevalier und die Comedian Harmonists auf. Der Vorhang öffnete sich auch für populäre Schauspieler wie Heinz Rühmann, Alfred Rasser und Clown Grock.

Mehrmals liess der Zauberer Alois Kassner sogar einen Elefanten von der Bühne verschwinden. Für Spannung und Spektakel sorgten auch wilde Löwen, Krokodile und Riesenschlangen; für die Tiere wurden im Untergeschoss Ställe eingebaut.

«Papa Küchlin», wie der Direktor liebevoll genannt wurde, liess seine aufwendigsten Nummern oft während der Mustermesse aufführen. Seine Programme waren gerade auch in Kriegs- und Krisenjahren gefragt, hatten aber Einbussen zu verkraften. Und wie andere Bühnen bekam auch das Variété Probleme, als politisch Verfolgte etwa aus Nazi-Deutschland in Basel auftreten wollten.

Die Kinofilme lösen das Variété ab

Anhand von Zeitungsartikeln und Archivakten schildert Blubacher die frühe Zeit des «Küchlin» anschaulich, detailreich und mit viel Sympathie. Er lässt zahlreiche Stars und Sternchen der verflossenen Welt der Variétés Revue passieren. Ausgespart werden die Jahre des Kinobetriebs: Bereits 1950 löste der Film das Variété ab, nachdem das neue Medium die Gunst des Publikums ganz erobert hatte.

Als der Abriss des «Küchlin» drohte, hörte der Spass auf. Nach jahrelangem Rechtsstreit stellte das Bundesgericht 1992 die Fassade und den Saal unter Denkmalschutz. Seither bildet der Zuschauerraum in seinem vornehmen Dunkelrot ein Prunkstück des Multiplex-Kinounternehmens Pathé Küchlin. Und auch wenn die Tage der Kinomeile in der Steinen gezählt sind: Die eindrückliche Fassade mit ihren dorischen Halbsäulen und Reliefs dürfte wohl noch länger an die einstigen Glanzzeiten erinnern.

Thomas Blubacher:
«Basels Weltvariété. Karl Küchlin und sein Theater»
Geb., 224 S., zirka 34 Franken. Zytglogge Verlag, Basel.

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