Schock-Foto
Aylan Kurdi oder die gestrandeten Werte Europas

Das Bild des toten dreijährigen Flüchtlingskinds am Strand von Bodrum wird für immer das Symbol des europäischen Versagens in der Flüchtlingskrise sein – eine Betrachtung.

Benno Tuchschmid
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Kerzen und eine Zeichnung der umstrittenen Fotografie an einer Protestveranstaltung in Barcelona.

Kerzen und eine Zeichnung der umstrittenen Fotografie an einer Protestveranstaltung in Barcelona.

Keystone

Es ist ein Bild, dem man eigentlich nichts mehr hinzuzufügen braucht. Ein Bild, das alles sagt. Der leblose Körper des dreijährigen Aylan Kurdi an einem Strand in der Nähe des türkischen Badeorts Bodrum. Mit seiner Familie geflohen vor dem Krieg in Syrien. Alleine angeschwemmt an die Ufer eines Kontinents, der sich als Geburtsort der Menschenrechte, als Hort von Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit für alle gefällt. Und es nicht mehr ist. Nicht für Aylan Kurdi. Seine Familie hatte ihn gemeinsam mit seinem Bruder via Türkei nach Europa in Sicherheit bringen wollen. Jetzt sind bis auf den Vater alle tot. Europas Werte sind gestrandet.

Wenn dieses Bild Europas Haltung gegenüber Flüchtlingen nicht ändert, was dann, fragt die englische Zeitung «The Independent». Ja, was dann?

Natürlich gibt es ein Europa der Solidarität. Länder wie Deutschland, Schweden und auch die Schweiz nehmen Flüchtlinge auf, viele Flüchtlinge, für europäische Massstäbe jedenfalls. Seit Januar kamen in Europa rund 300 000 Menschen an. Doch bei allem Mitgefühl, das die grosse Mehrheit den Geflüchteten auch in der Schweiz entgegenbringt; in vielen Ländern Europas sind die lautesten Stimmen jene der Kälte.

Vaterland vs. Menschlichkeit

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban will Ungarn den Ungaren vorbehalten, befürchtet den Einfall der Fremden, den Untergang des Abendlandes und baut 26 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wieder einen 175 Kilometer langen Zaun durch Osteuropa.

Der britische Ministerpräsident DavidCameron spricht von einem «Schwarm» von Flüchtlingen, den man davon abhalten müsse, nach Grossbritannien «einzubrechen». Die britische Insel macht die Schotten dicht.

Orbans «Ungarn den Ungaren»Rhetorik hat faschistische Wurzeln. Camerons «Schwarm»-Wortkreation ist eigentlich für die Tierwelt bestimmt. Das Vokabular entlarvt den Versuch, ein zutiefst menschliches Drama zu entmenschlichen. Mit Worten. Und mit Zahlen und Statistiken. Fremdenhass mag Statistiken. Sie lassen sich so immer nach Belieben auslegen.

Das Bild des toten Aylan Kurdi zeigt, was sich nicht auslegen lässt: Menschlichkeit. Hinter den von Orban, Cameron und Christoph Mörgeli heraufbeschworenen Flüchtlings-Massen stehen auch Kinder wie Aylan.

Die Macht der Fotografie

Bilder haben Macht. Sie bringen Geschehnisse auf den Punkt, die Tausende Texte und Reden nie ganz erfassen können. Die Fotografie des weinenden vietnamesischen Mädchens, das 1972 vor den amerikanischen Napalm-Bomben nackt aus ihrem Dorf flüchtet, hat die öffentliche Meinung in den USA stark beeinflusst und dafür gesorgt, dass die Unterstützung in der amerikanischen Öffentlichkeit für den antikommunistischen Vietnam-Krieg vaporisierte. Das Bild hat den Vietnam-Krieg nicht beendet, wohl aber verkürzt.

Ähnliches gilt für die Aufnahmen aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak: Die Kapuzenmänner mit den elektrischen Drähten an den Händen, hergerichtet für Elektroschocks, rissen die USA aus dem Dämmerschlaf – mehr als jede anonyme Statistik über zivile Tote und fehlende Massenvernichtungswaffen unterstrich das Bild das Verbrecherische des Krieges wie ein Ausrufezeichen.

Nur: Kriege lassen sich per Befehl beenden. Verzweifelte Menschen stoppt aber keine Order.

Das Bild des kleinen Aylan, den das Meer an den Strand von Bodrum gespült hat. Er wird aus unseren Köpfen nie mehr verschwinden. Innert kürzester Zeit hat es sich in den letzten Tagen über soziale Netzwerke auf der ganzen Welt verbreitet. Beim Kurznachrichtendienst Twitter versandten Menschen mit dem Kennwort #HumanityWashed Ashore Zeichnungen, Animationen, Collagen, die das Bild des toten Jungen aufnahmen.

Die Fotografin Nilufer Demir, die Aylan am Mittwochmorgen um etwa 6 Uhr für die türkische Fotoagentur Dogan aufgenommen hatte, sagte der britischen Zeitung «The Guardian», sie wünschte, sie hätte dieses Bild nie aufnehmen müssen.

Aylan Kurdi wurde gestern gemeinsam mit seinem Bruder Galip und seiner Mutter Rihana in Kobane, Syrien, begraben.

Erschütternd und umstritten: Am Bild des toten Aylan Kurdi scheiden sich die Geister.

Erschütternd und umstritten: Am Bild des toten Aylan Kurdi scheiden sich die Geister.

Keystone