Rezension

Aus sechs Menschenarten mach eine: Warum Homo sapiens übrig blieb und den Planeten beherrscht

Die kognitive Revolution katapultierte Homo sapiens in eine andere Dimension. Sie erlaubte ihm unter anderem, seine soziale Organisation sehr schnell und sehr gezielt an die Umstände anzupassen.

Die kognitive Revolution katapultierte Homo sapiens in eine andere Dimension. Sie erlaubte ihm unter anderem, seine soziale Organisation sehr schnell und sehr gezielt an die Umstände anzupassen.

Yuval Noah Hararis Bestseller «Sapiens» (bei uns als «Eine kurze Geschichte der Menschheit» erschienen) wird zur Graphic Novel. Aus dem linear erzählten Sachbuchtext wird ein Episoden-Comic, der plastisch erklärt, warum Homo sapiens die anderen Menschen ausbootete oder gar ausrottete. Am Schluss gibt es gar einen Prozess, in dem Homo sapiens Organisiertes Verbrechen vorgeworfen wird.

Yuval Noah Harari war vor langer Zeit, bevor er ein berühmter Bestsellerautor wurde, ein Historiker mit einer frechen Behauptung. Als die Menschheit Ackerbau und Viehzucht «entdeckte», sei sie in «eine Falle» getappt, beschied er in einem Interview. Jenes Ereignis nennt man in der Zunft die «neolithische Revolution». Und dass da irgendetwas faul dran sein könnte, hätte man eigentlich merken müssen. Denn es war keine Revolution, sondern eher das Gegenteil. Und mit Steinen oder Steinzeit («lithos» heisst auf Griechisch «Stein» und mit «Neolithikum» meint man die jüngste Phase der Epoche, in der die Menschheit allerlei Steine als Werkzeuge benutzte) hat das, was damals passierte, überhaupt nichts zu tun.

Das Chrampfer- gegen das Lotter-Jäger-Leben

Das erregte damals Aufsehen. Zu tief war das Muster in der abendländischen Seele einbetoniert: Sesshaftigkeit, Pflügen, Pflanzen, Chrampfen und am Schluss Städtlebauen mit Grosskönig und Grossreich. Das ist Zivilisation. Geordnete Verhältnisse halt.

Und dieser Harari nannte das unverfroren «den grössten Fehler der Menschheit» und malte vor, wie gemütlich das Leben in der Natur gewesen sei. Wer weiss wo, findet immer etwas zu essen; Hunger muss der Jäger und Sammler nicht fürchten. Ganz anders der Pflanzer. Alle paar Jahre wieder klappt es nicht mit der Ernte, und die Hungersnot ist da.

Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen: Sapiens. Der Aufstieg. (Beck München). 246 Seiten.

Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen: Sapiens. Der Aufstieg. (Beck München). 246 Seiten.

Aber wir greifen vor. Dieser Teil der Story ist offenbar dem nächsten Band vorbehalten. Jetzt halten wir «Sapiens. Der Aufstieg» in Händen. Der Comicautor David Vandermeulen und der Zeichner Daniel Casanave haben Hararis Bestseller (bei uns als «Eine kurze Geschichte der Menschheit» erschienen) zu einer Graphic Novel umgestaltet.

Die Leitideen des Buches werden gekonnt in Storys verpackt. Prehistorik Bill will «grosse Birne»; Evolution als Casting-Dschungel-Camp; die Kleinfamilie mit einem Wutbürger-Patriarchen tritt auf (der Pater familias will nicht akzeptieren, dass sein Modell nicht das einzige und beste ist).

Professor Harari darf selber vorkommen, muss aber vor allem auf seine Nichte Zoe achten. Die Absicht ist klar: Dies soll kein dröges Lehr- oder Sachbuch sein, sondern eine spannende Geschichte, die selbst junge Menschen von ihren Smartphones und Tablets weglocken soll. Und so muss man halt den Professor dazu bringen, alles kindergerecht zu erklären. Die 1-Million-Dollar-Frage nämlich: Warum haben gerade wir – nämlich der Homo sapiens – es zu einer derartigen Sonderstellung in der Naturordnung geschafft?

Im ersten Teil funktioniert das gut. Damit wirklich nichts verloren oder vergessen geht, beginnt es mit dem Urknall. Bald aber sind wir bei den ersten Menschen. Der Plural ist buchstäblich gemeint. Die Evolution hat es ein paar Mal versucht, einen zweibeinigen Affen ins Rennen zu schicken. Bis vor 50 000 Jahren lebten auf diesem Planeten mindestens sechs verschiedene Menschenarten – und zwar mehr oder weniger gleichzeitig oder überlappend: Homo erectus (2 Mio.–50 000), Neandertaler (800 000–30 000); Homo Denisova (800 000–50 000); Homo luzonensis (Philippinen, 400 000–50 000); Homo floresiensis (Insel Flores, 800 000–50 000) und Homo sapiens (300 000–?).

Vor der neolithischen war die kognitive Revolution

Ungefähr vor 70 000 Jahren, sagt Harari, schickte sich Homo sapiens an, die Welt zu besiedeln. Er verbreitete sich überall hin und verdrängte die anderen Menschenarten oder rottete sie aus. Heute sind wir die Einzigen. Die Gründe sind immer noch mysteriös. Aber es müssen die überlegenen kognitiven Fähigkeiten gewesen sein. Sie machten uns nicht nur intelligenter, sondern auch sozialer.

Die Graphic Novel lässt Professor Yuval Harari mit einem Neandertaler-Pärchen diskutieren. Beim Zweikampf im Ring vermöbeln die Neandertaler ihre Sapiens-Gegner nach Belieben. Sie sind einfach stärker. Aber in einem grossen Konflikt hätten sie keine Chance. Professor Yuval erklärt ihnen warum. Sie könnten zwar auch darüber sprechen (ob die Neandertaler wirklich gesprochen haben, ist umstritten, aber man soll den Gegner so stark wie möglich machen), wo der Löwe ist. «Aber ihr könnte euch keine Geschichten über den Löwen als Stammestotem erzählen.»

Und das entscheidet den Fight für Sapiens. Er besitzt die Fähigkeit zur Massensuggestion und Massenorganisation. Im Gegensatz zum Neandertaler besitzen wir die Fähigkeit, an Dinge zu glauben, die grösser sind als wir selbst. Das können Götter sein oder noch abstraktere Dinge wie Marken oder Geld. Fiktion ist einerseits Erfindung, aber auch die Empfänglichkeit dafür. Und ohne Fantasie auch keine Innovation. Die Neandertaler waren geschickte Handwerker und konnten mit ihren Stein- und Knochenwerkzeugen versiert umgehen. Aber sie beliessen es dabei. Es funktionierte ja. Während Sapiens dauernd Neues ausprobierte.

Für schuldig befunden: Die Sapiens-Gang

Am Schluss begegnen wir noch Detective Lopez vom New York Police Department. Sie hat zwei Mitglieder der Sapiens-Gang geschnappt und wirft ihnen grösste Verbrechen vor: Massenausrottung und Ökozerstörung. Beweise gibt es genug, und das Urteil ist denn auch eindeutig: Homo sapiens ist schuldig. Organisierter geht Verbrechen nicht. Eine Strafe gibt es allerdings nicht. Wir alle gehören ja zur Sapiens-Gang.



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