Analyse
Vernunft reicht nicht, um sich in der SRF-Arena Gehör zu verschaffen – doch was braucht es dann?

Die Politsendung «Arena» ist ein Kampfplatz der Selbstinszenierung. Wer siegen will, muss das richtige Rhetorikseminar besucht haben. Eine sprachwissenschaftliche Betrachtung.

Julia Stephan
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Früher Stammtisch, heute «industrial chic»: Am Diskussionsstil in der «Arena» hat sich trotzdem wenig geändert.

Früher Stammtisch, heute «industrial chic»: Am Diskussionsstil in der «Arena» hat sich trotzdem wenig geändert.

Bild: Oscar Alessio/SRF

Stille Schaffer und gehemmte Redner sind in der Politsendung «Arena» nicht gern gesehen. Der «Arena»-Erfinder und langjährige Moderator Filippo Leutenegger liess sich nicht ohne Grund vom römischen Kolosseum, der blutrünstigen Freizeiteinrichtung, zum Namen seiner Sendung inspirieren. Wer in der Arena nicht mit Worten um Oberwasser kämpft, wird rhetorisch versenkt. Das Bild vom Moderator als Dompteur, der die angriffigsten Exemplare der Spezies Animal politique aufeinander loslässt, hält sich hartnäckig als Bild für den Ritus, der sich seit fast 30 Jahren beinahe wöchentlich wiederholt.

Sassen bei der Lancierung der Sendung im Jahr 1993 vor allem männliche Exemplare im Ring und sah alles ein bisschen mehr nach Stammtisch aus – im animierten Sendungssignet wurde geschwungen, tigerten Raubtiere herum und trabten Zirkustiere im Dressurritt –, vermittelt das SRF den Konfrontationskurs heute seriöser, aber nicht minder plakativ: Seit der Studioreform 2015 steuern beim Einspann gegensätzliche Wortpaare in massivem Betongrau aufeinander zu und zerbröseln zu Bauschutt.

Der runde Tisch, Symbol für eine konsensorientierte Diskussionskultur, wurde gegen ungemütliche Stehpulte getauscht. Der runde Tisch kommt nur noch zum Einsatz, wenn Moderator Sandro Brotz eine verunglückte Sendung wie die letztjährige zum Thema Rassismus retten muss.

Sandro Brotzmoderiert die Arena seit Mai 2019

Sandro Brotz
moderiert die Arena seit Mai 2019

Oscar Alessio/SRF

Worüber man einig ist, gibts nichts zu reden

Die optische Aufmachung der Sendung gibt nach wie vor die Diskussionskultur vor, die polarisierende Meinungen gegenüberstellt. «Das, worüber man einig ist, kommt in dieser Sendung nicht zur Sprache», sagt Sprachwissenschafter Martin Luginbühl, der sich intensiv mit dem Sendeformat auseinandergesetzt hat.

Und Patti Basler, die als Instant-Protokollantin der Sendung im Zusammenfassen der nicht immer logischen Diskussionsverläufe Erfahrung hat, ergänzt: «Als Zuschauerin oder Zuschauer sieht man nur, wie eine Jacqueline Badran (SP) einen Thomas Aeschi (SVP) anfährt. Nicht, dass man nach der Sendung zusammen ein Bier trinken geht oder einander auch mal im Auto nach Bern mitnimmt. Das sind Arbeitskollegen, die gemeinsam in Kommissionen sitzen und an Gesetzestexten feilen.»

Das Ausmass der Inszenierung dürfte vielen Zuschauerinnen und Zuschauern kaum bewusst sein. In einem Bericht über die Operation Libero des «Tagi-Magi» bekommt man eine Ahnung von der Akribie, mit der Politiker und Aktivisten mit Verbündeten an ­Voten feilen. Co-Präsidentin Laura Zimmermann sitzt da in einer Szene mit anderen Mitgliedern der Werbeagentur, für die sie arbeitet, und sammelt «Arena»-Munition gegen SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher.

Gut vorbereitete Wortmeldungen sind eine wertvolle Kapitalanlage. Sie vernichten in der «Arena» im besten Fall den Ruf des Gegners. Im dümmsten Fall wirken sie wie sperrige Pflöcke, die man an unpassender Stelle eingeschlagen hat. Nicht weil es passt, sondern weil sich die Gelegenheit dazu bot. Und die man am besten mit sogenannten Kohärenz-Jokern einführt, wie Sprachwissenschafter Luginbühl erklärt. Floskeln wie «übrigens», die Zusammenhänge herstellen, wo es keine gibt.

Das Drehbuch von politischen Sendungen wie der «Arena» sei laut Luginbühl deshalb so widersprüchlich, weil es gleichzeitig einer medialen, einer journalistischen und einer politischen Logik folge. Die Sendung soll unterhalten, indem auf der Beziehungsebene rhetorische Kämpfe ausgetragen werden. Sie soll informieren, was sie in ihren grafischen Erklärvideos teilweise erfüllt. Und sie ist eine Plattform für politische Werbung. «Politikerinnen und Politiker kommen nicht in die ‹Arena›, um sich wirklich auf eine Diskussion einzulassen», so Luginbühl.

«Welcher Volksvertreter würde vor laufender Kamera seine Meinung ändern?»
Martin LuginbühlSprachwissenschafter

Martin Luginbühl
Sprachwissenschafter

zvg

Das SRF hat oft versucht, den Polarisierungen die Spitze zu nehmen und den Eindruck von Fairness entstehen zu lassen. Etwa, indem man seit letztem Jahr bei Abstimmungsarenen die gemessene Redezeit fürs Publikum einblendet oder Sandro Brotz die Möglichkeit gibt, in längeren Einzelinterviews Themen zu vertiefen.

«Mein Anspruch war es von Beginn an, die Debatten zwar klar zu führen, aber auch Raum für längere Antworten und Diskussionen zu einzelnen Punkten zu geben», erklärt Brotz auf Anfrage. Gut hat der Sendung auch getan, dass Experten und normale Bürger aktiv mitreden. «Heute nehme ich die Bürger nicht mehr nur als plumpe Stichwortgeber wahr», sagt Luginbühl. Er wünscht sich trotzdem mehr Diversität bei den Gästen. «Es geht um unsere Gesellschaft, warum sollen da immer nur Politikerinnen und Politiker diskutieren?»

Dauergrinsen mit Kieferverspannung

Wie jemand auftritt, ist eine Frage der Persönlichkeit und der Rolle. Eine Bundesrätin wird wegen ihres hohen sozialen Ansehens weniger unterbrochen und darf länger reden. Unter den geladenen Ratsmitgliedern gibt es die aalglatten Kerle, welche Tipps aus dem Rhetorikseminar eins zu eins umsetzen wie FPD-Ständerat Andrea Caroni. Patti Basler:

«Das sind für mich HSG-Buben, die man vorwiegend in der SVP, FDP oder bei der Mitte antrifft, aber auch SP-Co-Präsident Cédric Wermuth gehört dazu. Sie haben am Abend Kieferverspannungen vom vielen Lächeln.»
Patti BaslerInstant-Protokollantin bei der SRF-Arena

Patti Basler
Instant-Protokollantin bei der SRF-Arena

Keystone

Es gibt aber auch kernigere Charaktere wie SP-Nationalrätin Jacqueline Badran, die schnell denkt und mit ihren intellektuell hinterherhinkenden Kollegen ungehobelt umgeht. Badran duzt ihre Kontrahenten und betont so die Berufsnähe im politischen Tagesgeschäft. Die Distanzierungsversuche ihrer Gegner verlieren so an Glaubwürdigkeit. «In Wahrheit ist sie eine Gmögige, die mit allen gut auskommt», weiss Basler.

Für Patti Basler sind die zwei häufigsten Ablenkungsmanöver der klassische Whataboutism («Was ist mit den Kindern in Afrika?») oder die Weigerung, eine Frage zu beantworten, indem man ein Kernthema der eigenen politischen Agenda ins Spiel bringt. Wie das geht, konnte man 2019 bei SVP-Nationalrat Roger Köppel beobachten, als er in einer «Arena» übers Klima partout nicht übers Klima sprechen wollte, sondern über die Mandate von Parlamentariern.

«Die Relevanz des Sendungsthemas – und damit die SRF-Redaktion als Ganzes – wurden so in Frage gestellt.»

Der Sprachwissenschafter nennt als weitere Manöver das Unterstellen von Inkompetenz oder Unaufrichtigkeit, die Zuschreibung negativer Wesens- und Verhaltenszüge oder Kritik am Gesprächsverhalten des Gegenübers. Manchmal würde auch kooperatives Gesprächsverhalten inszeniert, das in Wahrheit für den Gegner Gesichtsverlust bedeute.

Ein beliebter Trick ist auch das Mitbringen von Statistiken, Kommissionsbeschlüssen und Anschauungsmaterial, das die Kompetenz der Gäste unterstreicht. Erfinder dieser Praxis ist der Urner Landammann Hansruedi Stadler. Am 7. Februar 1994 stand er als mediale Jungfrau in der «Arena», um für die Annahme der Alpeninitiative zu werben. Der Gegner, Bundesrat Adolf Ogi, baute sich vor ihm auf wie ein Berg.

Stadler überwand ihn. Dank eines gelben DIN-A4-Papiers. «Das ist die Fläche des Kantons Uri», erklärte er dem staunenden Publikum und riss vom Blatt ein Zipfelchen ab, das die mageren sieben Prozent Kulturland darstellen sollte, das sich die Urner mit ihren Verkehrsstrassen teilten. Das Stimmvolk war überzeugt. Beigebracht hatte Stadler diesen Kniff – wie hätte es anders sein sollen? – ein PR-Experte.

Ausschnitt aus der legendären Arena zur Alpeninitiative von 1994

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