Interview

«Alt werden ist nichts für Feiglinge»: BAP-Legende Wolfgang Niedecken über seinen Lebensplan und ekelhafte Politiker

Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP an der Magic Night 2019 als Headliner am Festival Heitere Zofingen.

Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP an der Magic Night 2019 als Headliner am Festival Heitere Zofingen.

Das neue BAP-Album heisst «Alles fliesst» und entspricht der Lebensphilosophie des BAP-Gründers. Im Interview erzählt Wolfgang Niedecken von der Freundschaft mit Bruce Springsteen, seiner gescheiterten ersten Ehe und von seiner Sorge um die Welt.

Zum Gespräch treffen wir den Kölsch-Rocker beim gemütlichen Frühstück mit seiner Familie nicht in Köln, sondern im Berliner «Café Butter». Niedecken ist entspannt und in Plauderlaune.

Sie verbindet eine besondere Geschichte mit diesem Café in Berlin, oder?

Wolfgang Niedecken: Und ob! 1995 drehten wir hier zusammen mit Bruce Springsteen das Video zu seiner Neuveröffentlichung von «Hungry Heart».

Wie kam es dazu?

Ich hatte Bruce kurz vorher in New York kennen gelernt, als ich ihn für die ARD interviewen durfte. Wir haben uns gut verstanden, und wenig später kam die Anfrage, ob wir, also meine damalige Leopardefell-Band, in seinem Clip nicht die Band darstellen wollten. Wir sind auch danach in Kontakt geblieben und sehen uns immer, wenn Bruce in Deutschland spielt.

Was sind Sie für ein Coronatyp?

Abstand und Masken sind schon sehr bedrückend, gerade für einen Rheinländer (lacht). Trotzdem, ich bin vorsichtig, ich will nicht, dass die Leute nachlässig werden und das Virus nicht mehr für voll nehmen. Eigentlich müsste ja jeder einsehen können, dass wir in Deutschland bisher sehr gut damit klargekommen sind.

Wie schwierig ist es, ein inniges Verhältnis zur Familie zu pflegen, wenn man sehr oft nicht zu Hause ist?

Ich war häufig nicht da. Meine erste Ehe ist deswegen gescheitert. Da gab es nur noch Vorwürfe. Selbst wenn ich nach Hause kam, hiess es immer «Du bist nie da». Und irgendwann kam ich dann auch nicht mehr gern nach Hause. Wir hatten ursprünglich einen ganz anderen Lebensplan. Ich habe ab und zu mal in einer Kneipe gespielt, aber damals war ich noch hauptsächlich Maler. Was wir vom Leben wollten, hat sich nicht mehr miteinander vertragen.

Sie werden am 30. März 70 Jahre alt. Würden Sie sagen, dass Ihr Lebensplan aufgegangen ist?

Was ich für ein Schwein gehabt habe, das ist unfassbar. Meine wichtigste Entscheidung war, dass ich Kunst studiere, anstatt mich für eine vermeintlich sichere Ausbildung zu entscheiden. Mein Vater wollte etwas Solideres, aber ich habe mich, auch mit Unterstützung meiner Mutter, durchgesetzt. Ich habe dann tatsächlich von der Malerei leben können, von der Hand in den Mund, aber immerhin. Ich weiss noch, wie ich meine erste Ausstellung in Hamburg hatte, dann in Berlin. BAP war damals eher ein Hobby. Der Galerist meiner Berliner Ausstellung besorgte uns den ersten Gig in Berlin. Ich dachte, ich mache das ein Jahr oder zwei. Daraus sind jetzt doch ein paar mehr Jahre geworden. Ich bin unendlich dankbar und voller Demut.

«Man muss keinem was beweisen, noch nicht mal Florian Silbereisen», singen Sie in «Hauptjewinn».

Das reimt sich so schön (lacht). Man horcht auf beim Hören. Die tiefere Bedeutung davon ist: Du musst dich nicht um jeden Preis anpassen.

Hat Florian Silbereisen schon auf das Lied reagiert?

Nein, nein. Ich kenne den Mann ja gar nicht, und ich will ihm auch nichts. Ich habe gehört, er wäre sehr sympathisch. Hoffentlich findet er den Song lustig.

Aber in die Show gehen?

Nee, lass mal. Klar, die Möglichkeiten für Rockbands, im Fernsehen aufzutreten, sind mittlerweile rar gesät, da macht man schon mal Kompromisse. Aber in eine Schlagersendung will ich nicht. Das ist eine rote Linie.

Ist «Alles fliesst» auch Ihr Lebensmotto?

Ja, das ist es. Ich verlasse mich darauf, dass sich die Dinge schon fügen werden. Corona ist natürlich das Paradebeispiel. Noch habe ich es mir nicht ganz abgeschminkt, meinen 70. Geburtstag wie geplant gross in der Kölnarena zu feiern, der Termin ist reserviert. Doch es muss sich noch zeigen, ob man in einem halben Jahr ein Konzert wird spielen können oder nicht.

Auf einigen Stücken klingen Sie melancholisch.

Alt werden ist ja nichts für Feiglinge. Wenn Freunde sterben, und du läufst hinter dem Sarg her, wirst du richtig nachdenklich. Auch das, was in der Welt abgeht, stimmt mich nicht immer fröhlich. In diesen Liedern ziehe ich mich singend an den Haaren aus den schlechten Gedanken, ganz nach dem Motto «Lass dich nicht hängen, alter Mann».

Dafür lassen Sie auf dem Album auch Rock-’n’-Roll-mässig die Sau raus.

Der Ulle (BAP-Gitarrist Ulrich Rode), dem ich die Regie über die Musik überlassen habe, hat diese Lieder auf mich zugeschnitten. Ulle weiss, worauf ich stehe. Er hat mir musikalisch ein Wohlfühlbett geschaffen. In «Ruhe vor’m Sturm» ist alles geflossen, was mich seit Jahren beschäftigt, allen voran der Erfolg der Populisten weltweit, sei es in Ungarn, Polen, Italien, den USA oder Brasilien. Diese ganzen Zyniker wie Trump und Bolsonaro dividieren die Leute auseinander, um ihre Macht zu festigen. Das ist einfach ekelhaft.

Das traurige «Verraten und verkauft» erinnert an Bruce Springsteen.

Stimmt, ich denke etwa an «Youngstown», wo er vom Niedergang einer Stahlindus­trie-Stadt in Ohio erzählt. Letztlich haben dort dann alle Trump gewählt. Während ich in «Ruhe vor’m Sturm» von den Leuten singe, die auf hohem Niveau jammern, geht es in «Verraten und verkauft» um die Menschen, die einfach wegrationalisiert werden, die nie mehr eine Chance kriegen, die resignieren und verzweifeln.

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