Kultur

Abschluss Obwald: «Hier kann man auch Freunde gewinnen»

Ähnliche Instrumente, verschiedene Kulturen: Die Appenzellerin Rebecca Graf (Hackbrett) und der Ägypter Ragby Kamal (Qanoun) bei ihrem gemeinsamen Auftritt.

Ähnliche Instrumente, verschiedene Kulturen: Die Appenzellerin Rebecca Graf (Hackbrett) und der Ägypter Ragby Kamal (Qanoun) bei ihrem gemeinsamen Auftritt.

Noch nie hat der Austausch am Volkskulturfest Obwald so gut funktioniert wie dieses Jahr. Auch hinter der Bühne.

Wenn sich das mächtige Open-Air-Zelt auf der Waldlichtung bei Giswil langsam leert und das Publikum wieder in die Städte und Dörfer zurückfährt, geht das Fest «backstage» erst richtig los. So auch Samstagnacht. Hinter der Bühne drängen sich Musiker, Jodlerinnen, Freunde, Funktionäre und Fans und lassen sich vom interkulturell beflügelten Geist anstecken.

Schon ist eine Jam-Session mit den jungen Frauen des Appenzeller Streichquartetts Vielseitig und dem Schwyzerörgeler Adrian Würsch in Gang, der an diesem Abend ein famoses Solo-Set hingelegt hat. Festival Leiter Martin Hess ist omnipräsent. «Gestern ist es hier 5 Uhr morgens geworden.» Leute kommen und bedanken sich, umarmen einander. Freude liegt in der Luft und auch das Reh, das am frühen Abend zu den ersten Klängen auf der Hauptbühne friedlich am nahen Waldrand geäst hat, horcht im Unterholz aufgeregt mit.

Für die 14. Ausgabe von Obwald stellte Martin Hess ein fein gestaffeltes Menue mit Musikern und Formationen aus Ägypten, Appenzell und der Innerschweiz zusammen (siehe Ausgabe vom Samstag). Zum ersten Mal sah sein Bühnenfahrplan vor, im zweiten Teil des Abends die einheimischen und die internationalen Gäste aufeinandertreffen zu lassen.

Alle wohnten 
im gleichen Hotel

Das funktionierte ausgezeichnet. Eine wichtige Rolle spielte, dass alle beteiligten Formationen im gleichen Hotel in Flühli Ranft wohnten. Hess: «So konnten sie sich kennenlernen und erste Versuche des Zusammenspielens starten. Alles Weitere passierte wie von selber.» Nach wenigen Proben waren die transnationalen Versionen bühnentauglich.

Die Hackbrettspielerin Rebecca Graf und der Qanounspieler Ragy Kamal fanden sich zu einem klingelnden und glöckelnden Duo. Kamal verzichtete auf das Drücken der Vierteltöne, und so wurde der musikalische Dialog auch für hiesige Ohren stimmig. Am Schluss taten sich einheimische und ägyptische Volksmusiker als kleines Orchester zu einem berührenden Finale orientalisch-alpiner Prägung zusammen.

Musikalische 
Brückenschläge

«Ich habe sicher schon über 100 Festivals besucht, an denen Musiker aus verschiedenen Nationen auftraten. Aber nur sehr selten habe ich die Begegnungen so tief erfahren. Hier ist wirklich ein kultureller Austausch passiert», gab der ägyptische Koordinator Ahmed El Maghraby zu Protokoll. Wenn man eine Woche lang mit anderen Musikern zusammenleben könne, entstehe was, sagte El Maghraby. «So kann man auch Freunde gewinnen.»

Zu den feierlichsten Momenten gehörte, als im zweiten Teil des Abends die Lichter plötzlich erloschen und die vereinigten Jodelstimmen von Heiterluft (Obwalden) und Setz Schuppel (Appenzell) mitten im Publikum zu singen begannen. Das sei die Idee von Michi Wallimann, dem Dirigenten von Heiterluft, gewesen, sagte Hess. Und meinte mit einem strahlenden Gesicht. «Einfach wunderbar. Ich hoffe, dass er mein Nachfolger wird.»

Überhaupt war Hess angetan, dass dieses Jahr die Initiative zum Zusammenspielen mehr denn je von den Musikern selber ausging. «Als ich den Appenzeller Frauen Anfang Jahr das Video der ägyptischen Formation zeigte, sagten sie: Wir möchten unbedingt mit diesen Musikern zusammenspielen.»

Das muss man einem Hess nicht zweimal sagen. Schliesslich ist es das, wofür seit 14 Jahren sein Herz am Obwald schlägt: Eine unkomplizierte Völkerverständigung im Kleinen, ausgelöst durch das verbindende Element Musik.

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