100 Jahre Jubiläum
Joseph Beuys verstehen: Eine Anleitung in 6 Punkten

Manche feiern ihn, andere halten ihn für einen Betrüger. Ein Versuch, das Phänomen Beuys zu erklären.

Daniele Muscionico/Anna Raymann
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1. Der Filz-Fetischist

Keystone

Er ist grau, viel zu schwer, um am Körper getragen zu werden, und er zählt zu Beuys bekanntester Skulptur: «Der Filzanzug» (1970). Beuys ist ein Filz-Fetischist, das Material ist für ihn ein Energiespender. Und Energie braucht, wer Kunst schafft. Kunst wiederum nach Beuys ist der Weg, um die Gesellschaft, das System, den Kapitalismus, den Kommunismus, die politischen Parteien – schlicht, um die ganze Welt zu verändern.

2. Der Kunstprofessor

Bei Beuys soll jeder studieren dürfen, der will. Und alle wollen. So beliebt der Professor der Kunstakademie Düsseldorf bei den einen ist, so umstritten ist er bei den anderen. 1972 wird er fristlos entlassen, weil er auch abgewiesene Studienanwärter in seine Klasse aufnimmt. Studierende und Prominenz wie Heinrich Böll oder Gerhard Richter protestieren. Im Jahr darauf gründet er in seinem Atelier «die Freie internationale Hochschule für Kreativität».

3. Der Grünen-Erfinder

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Die Sonnenblume im Logo der Grünen, so der Mythos, sei eine Beuys’sche Erfindung. Er ist Mitgründer der Partei. Zur Europawahl 1979 tritt er als Spitzenkandidat für das grüne Listenbündnis an, denn: «Es ist klar geworden, dass alles, was wir in unser Leben einbeziehen, sinnlos wird, wenn das Leben selbst bedroht ist.» Gewählt wird er dennoch nicht.

4. Der Schamane

Er hat ein Gespür für spektakuläre Aktionen: Drei Tage lang schliesst er sich mit einem Kojoten in einem New Yorker Galerieraum ein (1974). Einem toten Hasen erklärt er in Düsseldorf stundenlang Kunst und ist dabei über und über mit Hasenblut bespritzt. Er macht sich zum bundesdeutschen Mythos durch seine provokative Romantik und seine romantische Provokation.

5. Das Energiekraftwerk

Wie im physikalischen Experiment: Eine Steckerfassung verbindet Glühbirne mit Zitrone. Natur, Kultur und Technik in einem symbiotischen Kreislauf. Zwar leuchtet das Objekt nicht wirklich, die Gebrauchsanweisung empfiehlt dennoch «nach 1000 Stunden Batterie auswechseln». Die «Capri-Batterie» verschwand 2020 kurzzeitig. Das Künstlerkollektiv «Frankfurter Hauptschule» schickte sie als «koloniale Raubkunst» vermeintlich nach Tansania.

6. Der Befreier

An seinen Aktionen scheiden sich schon zu Lebzeiten die Geister. Fett, Filz als Materialien und die Soziale Plastik als Kunstbegriff sind legendär seit Beuys. Wie wegweisend oder utopisch seine Ideen zur Kunst, Natur und Demokratie schliesslich sind, bleibt umstritten. Als Befreier seiner und nachfolgender Generationen von Kunstschaffenden allerdings mag er die nächsten 100 Jahre unsterblich bleiben.

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