Polemik zum Oktoberfest

Die Aneignung fremder Kultur in kurzen Hosen

Wie auf der Münchner Wiesn: Am Badener Oktoberfest wird bayrische Tracht getragen und auf Bänken getanzt.

Wie auf der Münchner Wiesn: Am Badener Oktoberfest wird bayrische Tracht getragen und auf Bänken getanzt.

Die Aneignung fremder Güter ist eine Kulturpraxis der Menschheit. Doch wollen wir wirklich so etwas wie kurze Hosen, weisse Socken und trockene Brezen uns aneignen? Eine Polemik.

Neulich kamen mir auf der Strasse Frauenbeine entgegen, die in weissen Kniesocken steckten. Sie gehörten zu einer Person, die über vierzig und nicht sichtlich verwirrt war. Ich stutzte. Doch schon erschien ein Banker in derben Wanderschuhen und Shorts. War das die Selbsthilfegruppe von durch Kinderkleidung Traumatisierten?

Da. Eine Schunkelmelodie streifte mein Ohr. Ach, daher wehte der Wind! Es war Oktoberfest in Baden. Und in Zürich. Und in den Lebensmittelläden und Kaufhäusern. Klar, die Aneignung fremder Güter ist eine Kulturpraxis der Menschheit. So kamen die Italiener zu ihren weltberühmten Spaghetti (die Chinesen schlürften sie zuvor als Nudeln), wir zum Schwarzpulver (die Chinesen veranstalteten damit Feuerwerke) und die Japaner zu Schriftzeichen (die Chinesen … Sie wissen schon).

Es gilt bloss, aus dem importierten Gut das Maximum herauszuholen. Und wer weiss, ob nicht in Zukunft die Schweizer Wiesn den Siegeszug um die Welt antritt? Die Frage ist nur: Wollen wir tatsächlich für alle Zeiten das berühmte Land der kurzen Hosen, weissen Socken und trockenen Brezen sein?

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