Perfektionismus

Ich wäre gern mal ein Roboter

Der Roboter kann alles – wozu er programmiert ist. (Symbolbild)

Der Roboter kann alles – wozu er programmiert ist. (Symbolbild)

Die Karikatur in Süddeutschen Zeitung vergesse ich nie: Mann am PC rastet aus, in der Sprechblase: «Du Idiot! Kannst alles – und sonst nichts!»

Genial. Genau da unterscheiden sich Maschine und Mensch, Roboter und ich. Der Roboter kann alles (wozu er konstruiert ist), fehlerfrei, ist perfekt – weil er «sonst nichts» drauf hat, nie verliebt ist, nie betrunken, nie melancholisch, nie auf andere Ideen kommt usw. Der Mensch ist – unter Perfektheitskriterien – ein Debakel, dafür hat er das ganze Repertoire «und sonst» im Programm. So sehr, dass wir uns insgeheim danach sehnen, auch mal perfekt, also Maschine zu sein.

Am einfachsten mit Apple Watch. Vergangene Woche machte ich 72 314 Schritte, Experten empfehlen 10 000 pro Tag – ich bin perfekt! Es wäre sonst eine richtig miese Woche gewesen, nichts hat geklappt, doch meine App hat die Daten: Die Woche war super, alles richtig gemacht. Die Apple Watch, eine kleine private Überwachungsanlage. In der Promotion steht: «Es geht darum, den ganzen Tag aktiv zu sein. Daher misst Apple Watch all deine Bewegungen. Egal, ob du mit dem Hund rausgehst, Treppen steigst oder mit deinen Kindern spielst. Sie merkt sich, wann du aufstehst. Und motiviert dich weiterzumachen. Denn alles zählt. Und das rechnet sich.» Rechnet sich. So ist das heute: Alles muss sich rechnen – auch ich. Rechne ich mich nicht, zähle ich auch nicht.

Im Netz feiern reuige Sünder ihr neues Körpergefühl ab

Also zählen wir. «40 Tage ohne Alkohol!!!» Massenhaft solche Einträge auf Facebook. Total ironiefrei – die Kommentare auch: Blanke Begeisterung für Puritaner. Bravo! Respekt! Gaaaanz toll!! Das Netz ist voll reuiger Sünder, die ihr neues Körpergefühl abfeiern. Einst war Fasten – wie der Rausch – ein Versuch, dem Himmel näher zu kommen. Heute opfern Asketen den Göttern Leberwert, Cholesterinspiegel, Body-Mass-Index – und verkünden die frohe Botschaft online: Meine Leber ist reformiert! Probiert es auch mal!

Der Mensch ist, was er misst: Kalorien, Herzrhythmusstörung, Likes – der Mensch, einst Eroberer, Weltenbauer, Erfinder, wird zum Buchhalter seiner Biologie. Der Antrieb dahinter: kontrollierte Selbstoptimierung. Es gab einst den schönen Gedanken vom selbstbestimmten Menschen: Ich denke selber! Prima. Doch bereits Immanuel Kant, der Autor des schönen Gedankens, wusste: Die Freiheit des Selberdenkens wird Menschen mehr zur Last als zur Lust, denn von Natur aus ist er «faul und feige». «Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich ja nicht selber zu bemühen.» Kant, 1783.

Und plötzlich regiert der Terror der Vernunft

Heute haben wir die Smart Watch. Der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt. Eigentlich sind wir ja unverschämt frei. Du willst grüne Haare, bist intersexuell, isst Insekten? Fabelhaft! Endlich tun wir, was wir wollen, frei vom moralischen Gängelband (Kirche, Staat, Konvention). Doch bevor wir das kapieren, greifen wir nach der freiwilligen Selbstkontrolle. Du sollst zweimal in der Woche Sex haben, das ist gesund. Du sollst zwei Veggie Days einlegen, Fleisch ist total ungesund. Du sollst keine Wurst essen, die ist noch ungesünder. Hinter jedem einzelnen «Du sollst» steckt ein lobenswerter Gedanke, doch plötzlich regiert der Terror der Vernunft. Während die Freiheit, der Störenfried aller Logistik, grad auszieht. Wir sollen nicht verhocken? Nur zwei Glas Wein trinken? Keine Wurst essen? Was geschieht mit den Widerborstigen? Verordnet ihnen die Watch fünf Strafrunden im Park? Unter Aufsicht der Behörde? Der Witz ist: Die Behörde brauchen wir gar nicht mehr. Der Mensch macht das selbst. Am Arm die Smart Watch.

Es liegt am Drang zur Perfektion. Menschen leiden darunter, Mensch zu sein, also nie perfekt. Perfekt ist der Esel (als Esel), auch der Engel (als Engel). Der Mensch hängt irgendwo zwischen Esel und Engel, der leibhafte Zwischenfall, dauernd muss er ausbügeln, und bleibt doch durchzogen. Sodass wir lieber mal perfekt wären als frei. Wir möchten es als Maschine versuchen. Algorithmen machen es möglich. Sie nehmen den ewigen Störfall Mensch mit seinen Patzern und Räuschen aus dem Spiel.

Ludwig Halser ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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