Es ist ungeheuerlich. Da wird doch der Präsident des Einwohnergemeindeverbands von der Gegnerschaft der Steuervorlage tatsächlich aufs Korn genommen, weil er an einer Veranstaltung behauptet hat, es werde in den eigenen Reihen viel «Seich» erzählt. Klar, die Rede ist von jenen Gemeindevertretern, welche die Vorlage ablehnen. Und, ja: Ablehnen kann man tatsächlich auch, ohne «Seich» zu erzählen und sich öffentlich vorführen lassen zu müssen. Roger Siegenthaler hätte deshalb auch sagen können: «Es erfüllt mich mit Sorge, dass wir nach wie vor grosse Anstrengungen unternehmen müssen, um gewissen Mitgliedern unseres Verbandes die Inhalte der Vorlage nahe bringen zu können.» Doch das wäre nicht Siegenthaler gewesen. Und so redete er halt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dafür hat man ihn verstanden.

Punkt, Schluss? Nicht ganz. Eine interessante Pointe eingeführt hat der Solothurner Stadtpräsident Kurt Fluri in einem Leserbrief. Er stellte den Bezug zwischen dem «Seich» von Siegenthaler und dem auf Plakaten hundertfach behaupteten «Steuerbschiss» der Finanzloch-Apologeten her. Seine Quintessenz: Wer «Bschisser» geschimpft wird, ist dem Betrugsvorwurf ausgesetzt – immerhin ein Straftatbestand. Mehr als unschön. Derweil wird für das «Seichen» und das «Seich erzählen» niemand belangt. Vorausgesetzt, Ersteres finde am rechten Ort statt und Letzteres kollidiere nicht mit dem Straf- und Zivilgesetzbuch, weil der verbreitete Unsinn entweder die Persönlichkeit verletzt oder aber ehrenrührig ist.

Die Bitte am Ende ist schlicht: Möge es bis zum 19. Mai ohne Klagen abgehen.
Es wird aufrichtig um Milde für «Seich und Bschiss» und deren Urheber geworben.

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