Persönlich

«Wenn du’s gewusst hättest, Schwester!»

Ein Hinweisschild beim Kantonsspital Olten zum Corona-Virus.

Ein Hinweisschild beim Kantonsspital Olten zum Corona-Virus.

Als Bub habe ich mich vor einem guten halben Jahrhundert oft in die Aufsatzhefte meiner Schwester Irene vergraben. Sie war fünf Jahre älter und schrieb grossartige Geschichten. Eines ihrer Werke ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Dessen Titel verbarg etwas Sphärisches, Unwirkliches, ja Surreales: «Plötzlich allein auf der Welt!»

Was meine Schwester daraus machte, erinnert mich heute an die Folgen des Corona-Virus. Sie liess die Menschen ihrer Umgebung im Aufsatz nicht verschwinden; nein. Sie blieben sicht-, aber nicht erreichbar. Weder auf taktiler noch akustischer Ebene.

Irene hat Ende der 1960er-Jahre das «Social Distancing» vorweg genommen. Sie wusste sicher nicht um den Begriff. Und sie wusste sicher noch viel weniger darum, dass er mal Geschichte schreiben würde. «Social Distancing» – ein sinnvolles, aber furchtbares Wort. Wer heute in Olten auf der Bahnhofbrücke die Aare quert, nimmt die sich gegenläufig bewegenden Menschen als Corona-Splitterbomben wahr. Ja nicht berühren! Ja nicht verharren! Ja nicht reden! Ansehen, das geht gerade noch. «Wenn du’s gewusst hättest, Schwester!» Ich weiss nicht mehr, wie deine Geschichte endete. Aber ich fürchte, dass «Social Distancing» darin zum Dauerzustand wurde. 

urs.huber@chmedia.ch

Autor

urs huber

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