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Top im Rechnen, schlecht im Lesen: Bildungserfolg der Schweiz ist in Gefahr

Die Schweizer Schülerinnen und Schüler sind nicht gut im Lesen. Das liegt nicht nur an der Schule, sagt unser Gastautor.

Die Schweizer Schülerinnen und Schüler sind nicht gut im Lesen. Das liegt nicht nur an der Schule, sagt unser Gastautor.

Lassen wir bei der Debatte um die jüngsten Pisa-Ergebnisse das Länder-Ranglisten-Brimborium ruhig beiseite; solch Vergleichen von Ungleichem bringt nicht viel. Dies allerdings steht fest: Die Leseleistung der Volksschulabgänger in der Schweiz hat sich nochmals verschlechtert. In vielen Elternhäusern wird kaum mehr gelesen und vorgelesen.

In der Freizeit der jungen Menschen verdrängt digitales Kurzfutter zunehmend Bücher und Zeitungen. Man kann also nicht alles der Schule in die Schuhe schieben. Trotzdem steht diese nun wieder im Kreuzfeuer, vor allem aus reformkritischen Kreisen, welche den früheren Lesedrill vermissen. Zu beachten ist allerdings: Noch schlechter als bisher schnitten vor allem die schwächsten Jugendlichen ab. Es sind häufig solche mit Migrationshintergrund, die, als sie in die Schweiz kamen, kein Wort Deutsch sprachen. Um hier Abhilfe zu schaffen, braucht es intensive Förderung durch geschultes Personal.

Lassen wir den ideologischen Widerstand gegen den neuen Lehrplan, der vor allem noch im Baselbiet liebevoll gepflegt wird, ruhig beiseite. Der Lehrplan 21 stellt die Schule nicht auf den Kopf (er verlangt übrigens auch nicht, dass der Lehrer nur noch der «Coach» der Kinder ist). Wo der Lehrplan eingeführt ist, sinkt der Widerstand. Man hat ihm wohl zu viel «revolutionäres» Potenzial unterstellt. Dies allerdings steht fest: Die Anforderungen an die Schule werden mit dem Lehrplan 21 nochmals grösser. Neue Fächer, neue Lerninhalte, neue Stundentafeln, neue Unterrichtsmodelle. Gefordert sind vor allem die Lehrkräfte, die sich, oft im Schnellzugstempo, weiterbilden müssen.

Lassen wir die Grundsatzdebatte um die integrative Schulung ruhig beiseite. Der Beweis, dass von solch gemeinsamem Lernen alle «Stärkeklassen» profitieren, ist erbracht. Allerdings: Das Lehrerteam ist bei diesem Modell stark gefordert. Das integrative Modell bedingt einen intensiven Personal-, Zeit- und Mitteleinsatz. Was unter idealen, sozusagen Laborbedingungen hervorragend funktionieren kann, gerät in der Praxis des Lehrer- und Heilpädagoginnen-Mangels zu einer Überforderung für alle Beteiligten. Leider steigt gerade bei der Heilpädagogik die Zahl der jungen Menschen, die das Fach zwar studieren, dann aber nicht in die Praxis einsteigen. Es hat sich halt herumgesprochen, wie schwierig die Rahmenbedingungen in den meisten Kantonen sind.

Sie spüren es, liebe Leserin, lieber Leser: Diese Erörterungen streben ihrer zwingenden Schlussfolgerung zu. Sie lautet: Gute Lehrkräfte sind nicht alles, doch ohne genügend gute Lehrkräfte ist alles nichts. Der Star unter den Bildungsforschern, der Neuseeländer John Hattie, hat ja mehrfach bestätigt, was wir eigentlich schon lange wissen: Der wichtigste Einflussfaktor auf die Leistungen der Kinder und Jugendlichen ist die Lehrkraft. Es hat keinen Sinn, über Pisa-Resultate, Lehrpläne, Unterrichtsmodelle und Strukturreformen zu streiten, wenn die Grundvoraussetzung für eine gelingende Schule fehlt: genügend gutes Lehrpersonal. «Gut» heisst vor allem: für die entsprechende Stufe ausreichend qualifiziert. Da hapert es nämlich in den meisten Kantonen gewaltig. Einerseits werden Lehrkräfte auf der «falschen» Stufe eingesetzt, andererseits unterrichten Personen überhaupt ohne Lehrerausbildung. Wie viele das sind, weiss niemand so genau. Transparenz wird von der Verwaltung nicht angestrebt und von der Politik kaum erfragt. Die Antwort könnte unangenehm ausfallen.

Vor kurzem wurde wieder das «Sorgenbarometer» der Gesellschaft Schweiz publiziert. Der Lehrermangel wurde darauf nicht gesichtet. Und doch bahnt sich hier eine existenzielle Gefahr für das anerkannt hohe Niveau des Schweizer Bildungssystems an. Das heute schon akute Problem wird sich bei steigenden Schülerzahlen noch deutlich verschärfen. Die «Gefahrenstufe rot» ist bald erreicht. Was hat die Politik für Antworten darauf? Ist sie sich der Dramatik bewusst? Man wird den Eindruck nicht los, dass unser Land hier sehenden Auges in eine dramatische Situation hineinschlittert. Fast wie beim Klima.

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