Gastkommentar

Nachhaltig ist nur die Scham

Das Wort des Jahres 2019 in der Deutschschweiz ist "Klimajugend". Hier am Klimastreik in Zürich am 27. September 2019. (Archivbild)

Das Wort des Jahres 2019 in der Deutschschweiz ist "Klimajugend". Hier am Klimastreik in Zürich am 27. September 2019. (Archivbild)

Die Kabarettistin Patti Basler prüft die Wörter des Jahres auf ihren Realitätsgehalt

"Klimajugend", "Ok Boomer", "Flugscham" sind die Wörter des Jahres. Tatsächlich ist es die Jugend, die am lautesten gegen den menschgemachten Klimawandel protestiert. Es ist die Jugend, die später am meisten unter dem Klima zu leiden haben wird. Wenn die Erde vom Zeitalter der Menschheit, dem Anthropozän, ins Zeitalter des Klimakteriums kommt: Hitzewallungen, Schweissausbrüche, welche die Ufer überfluten lassen, ausgetrocknete Feuchtgebiete. Wechseljahre. Jene bezeichnet man heute allerdings als Change-Management.

Jene Nachkriegsgeneration, die wusste, dass es Nachgeborene dereinst besser haben würden. Jene Generation, die gerne über die Jugend lästert: Faul und naiv, sollen mal ihre Handys abgeben, sich nicht im SUV zur Schule kutschieren lassen; und wenn man Geldhahn und Heizung zudrehe, hören die verwöhnten Gören schnell auf mit ihrer Klimahysterie und kämen auf die Welt. Oder zur Vernunft.

Die Jungen kontern schulterzuckend mit einem: «Ok, Boomer.» Ok, Boomer, du bist doch schon auch mitschuldig daran, denn nicht wir Kinder haben Handys, Zalando und den entfesselten Konsum-Kapitalismus erfunden. Und wenn ihr uns nicht zur Schule fahren würdet, dann müssten wir halt zu Fuss gehen, jetzt gehen wir halt zu Fuss an die Demos und für unsere SUV-fahrenden Eltern und Grosseltern schämen wir uns ohnehin ein bisschen. Wobei sich jede Generation für die vorangehende schämt, das nennt man pubertäre Ablösung.

Die Jugendlichen suchen ihre individuelle Identität und doch gibt es nichts Peinlicheres, als nicht dazuzugehören. Deshalb ist es für junge Menschen besonders wichtig, sich zu einer Gruppe zu bekennen: Zur Klimajugend, zu den Fussballhooligans, zu den vegan Lebenden oder den non-binären, genderfluiden Queer-Sexuellen.

Scham ist das einzig wirklich nachhaltige Gefühl. Jahre später bin ich noch errötet, wenn jemand den Namen meiner ersten Liebe aussprach, vor welcher ich mich blamierte, weil ich meine unerwiderten Gefühle öffentlich gestanden hatte. Die ärgsten erlittenen Schmerzen, die grösste Freude kann ich nicht als Empfindung zurückrufen. Wenn ich aber an jenen Moment denke, als mir im Club die schlecht geschlossene Hose herunterrutschte und den Blick auf meinen Grossmutter-Slip freigab, wird mein ganzer Körper von einem Scham-Tsunami geflutet, gegen den die grüne Welle im Parlament wie ein laues Schaumkrönchen wirkt.
Der öffentliche Pranger, die Moralkeule, die Beschämung wirken stärker als jegliche wirtschaftlichen Anreize. Das sollte in anderen Bereichen Schule machen. Die Jetsetter haben Flug-Scham. Die Politikerinnen haben Lug-Scham, die besserwissenden Babyboomer haben Klug-Scham, die Seitenspringerin hat Betrug-Scham, die SBB mit ihrer Torschlusspanik beim Rollmaterial hat Zug-Scham. Obwohl wir wahrscheinlich alle bald unter Zugzwang stehen, wenn wir uns weiterhin flugschämen.
Viele Menschen leiden hauptsächlich unter Fremdscham. Die Idee für ein neues Geschäftsmodell: Ähnlich wie die CO2-Zertifikate, welche man zur Kompensation des Fluges erwerben kann, sollte man die Flugscham übertragen können. Das wären dann Fremdflugscham-Zertifikate.
Perspektivlose Klimajugendliche, die ihr Handy auf Flugscham-Modus stellen, Babyboomer, die sich freiwillig in die Schamecke stellen, oder abgewählte Parlamentarier, von der grünen Welle überrollt, mit Scham- und Zornesröte im Gesicht beim Gedanken an die Schmach der politischen Niederlage. Da standen sie mit heruntergelassener Hose.
Wobei selbst bürgerliche Politikerinnen inzwischen für die Hitzeschübe gerne das Klima verantwortlich machen. Oder wenigstens das Klimakterium. Denn die Wechseljahre kommen. Times are a changin.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1