Vor gut einer Woche hat der Ramadan begonnen. In der islamischen Spiritualität ist das nicht einfach der Monat, in dem tagsüber nicht gegessen und getrunken wird. Es ist der Monat der Barmherzigkeit, des Verzeihens, der Mildtätigkeit, der Dankbarkeit, der inneren Läuterung und Umkehr. Umkehr heisst in diesem Fall auch eine Hinwendung zum guten, gerechten Leben, zur ethischen Handlungsweise. Während dem Ramadan gilt für gläubige Muslime noch mehr als sonst das Prinzip der fünf Unterlassungen: nicht Böses denken, nicht Böses sehen, nicht Böses hören, nicht Böses sprechen, nicht Böses tun.

Mitten in die Bemühung darum, mit aller Kraft und allen Sinnen das Gute zu suchen, erreichen uns Nachrichten, die genau vom Gegenteil zeugen: Allein in der ersten Ramadan-Woche sind im syrischen Bürgerkrieg 224 Menschen, darunter etliche Zivilisten, Frauen und Kinder getötet worden. In Orlando/Florida bringt ein der Polizei bekannter Psychopath in einer Nacht fünfzig Menschen um und verletzt eben so viele. Menschen, die sich vergnügen wollten, und die, wie der Täter selbst, so stellt sich inzwischen heraus, homosexuell waren. Gewalt, Aggression, Hass gegen Leben – jegliches Leben – geht nicht, geht gar nie und kann niemals religiös gerechtfertigt werden. In keiner Religion.

Gewalt bleibt aber Gewalt und wird auch nicht dadurch besser, dass sie von nicht-religiösen Psychopathen verübt wird. Die besoffenen Horden prügelnder und vandalisierender Hooligans an der Fussball-EM in Frankreich sind jedenfalls auch nicht das ideale Abbild nord- und westeuropäischer Zivilisiertheit.

Doch zurück zum Guten. Beeindruckend gross ist die Solidarität mit den Opfern von Orlando, gerade auch unter europäischen Muslimen, nicht nur der regenbogenfarbenen, sondern aller Couleur. Es geht ihnen dabei nicht primär um das Gutheissen von Homosexualität, sondern um das Verteidigen von Grundwerten wie Freiheit, Sicherheit und Unversehrtheit allen menschlichen Lebens! Noch mehr Gutes hat sich im friedlichen, harmonischen, teils gar freundschaftlichen Miteinander albanischer und schweizerischer Fussballfans offenbart. Entgegen aller Unkenrufe wurde diese Begegnung von keinen Ausfälligkeiten und Aggressionen begleitet. Chapeau! Die Schweiz ist vorbildhaft im Verbinden von Sprachen und Kulturen. Das hat sie zuletzt wieder mit einem grandiosen Tunnelbau bewiesen, und das beweist sie auch durch das Bauen von tragfähigen Brücken über tiefe Schluchten und unwegsames Gelände. Das gerade eröffnete Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Uni Fribourg schlägt eine solche kulturelle, religiöse und interdisziplinäre Brücke und bringt die an der Basis schon seit Jahrzehnten geleistete interreligiöse Verständigungsarbeit gut schweizerisch bottom-up nun endlich auch in akademische Gefilde. Die bisher schönste Nachricht in diesem Ramadan erreicht mich aber aus Pakistan, wo in der nordöstlichen Provinz Punjab die muslimischen Bewohner eines Dorfes Geld gesammelt haben. Wozu? Um ihre christlichen Nachbarn beim Bau einer Kirche zu unterstützen.