Persönlich

Gift für den Korb

Pilzkontrolleure sortieren faule und giftige Pilze aus. Symbolbild

Pilzkontrolleure sortieren faule und giftige Pilze aus. Symbolbild

Es war die Schlüsselszene in meiner noch jungen Pilzsammler-Karriere: Geduldig wartete ich bei der damals schon betagten Pilzkontrolleurin, um an die Reihe zu kommen. Es war Hochsaison, Sonntagmittag, und alle kamen aus den Wäldern zurück. Ein Mann im besten Alter zeigte seinen Korb – mir stockte der Atem: Da lagen doch tatsächlich einige Grüne Knollenblätterpilze drin. Geringe Mengen reichen für eine tödliche Vergiftung. Die im Korb hätten eine Familie auslöschen können. «Mein Bruder wollte die Pilze zum Zmittag kochen. Doch habe ich auf einer Kontrolle bestanden.» Sein Bruder hätte die Dinger zubereitet. Ein Bruder Leichtsinn. Natürlich wurden gleich alle Pilze im Korb beschlagnahmt. Beim Grünen Knollenblätterpilz gibt’s kein Pardon. Der Bruder des Bruders verliess sichtlich geschockt und nachdenklich die Kontrollstelle. Sie war diesmal überlebenswichtig gewesen.

Und wenn es sie nicht mehr gibt? Mehrere uns bekannte Kontroll-Profis der Region sind über die Jahre weggestorben – nicht an Giftpilzen. Sondern altershalber. Die Letzte in Solothurn ist auch schon seit Jahrzehnten im Amt. Ich brauche sie zum Glück nicht mehr – wir verfügen über vier erfahrene Augen, die seit Jahrzehnten jeden Pilz genau prüfen. Und vor allem sofort sehen, was gut, nur mittelmässig, unbrauchbar oder gar giftig ist. Doch wer mit diesem schönen Hobby beginnen will, braucht Profis, keine Apps. Vielleicht ist das Aussterben der Kontrollstellen so schlecht gar nicht: Zuletzt traut sich niemand mehr in den Wald. Das Paradies für uns.

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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