Persönlich

Der Traum vom Amtsdiener

Ein Stadtweibel im aargauischen Lenzburg. (Archiv)

Meine erste Erinnerung an einen Stadtweibel ist diese: Der Amtsdiener Toni A. lief mir in einer Gasse der Stadt eiligen Schrittes in die Arme und beschied mir, er habe jetzt gerade keine Zeit für einen Schwatz, weil er sich auf einem dringenden Botengang befinde. Ja, ich war beeindruckt und etwas ehrfürchtig, weil ein Gesandter der Obrigkeit meinen Weg kreuzte und im Auftrag derselben einen Brief überbrachte. Persönlich.

Nun, den festlichen Ornat, den er bei hohem Besuch in der Stadt oder bei feierlichen Anlässen ausführte, trug Toni A. an diesem Tag nicht. Dennoch hatte er etwas Respekteinflössendes. Wobei, am Rande vermerkt: Dass ihn sein Botengang nie zu mir führte, war mir ganz recht. Wer weiss, was einem die Stadtregierung so alles mitteilen will. Doch lassen wir das.

An die Stadtweibel-Begegnung habe ich mich erinnert, weil die Stadt Solothurn derzeit einen neuen Weibel oder eine neue Weibelin sucht. Die Aufgaben sind die gleichen wie eh und je: Postdienst, Erledigen von Druckaufträgen, Papierbestellung, Botengänge. Neueren Datums und eigentliches Job-Enrichment: Einscannen von Dokumenten.

Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass die Stadtverwaltung bloss Onlinebewerbungen entgegennimmt. Quasi als Test. Schade, ich hätte mich für den Amtsdiener interessiert. Und dafür sogar einen Bückling gemacht. Real, nicht digital.

balz.bruder@chmedia.ch

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Balz Bruder

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