Gastkommentar

Viele Pensionierte würden gerne weiter arbeiten: ein Plädoyer für Selbstbestimmung

Viele wollen länger arbeiten. Unsere Kolumnistin sagt: Lasst sie!

Viele wollen länger arbeiten. Unsere Kolumnistin sagt: Lasst sie!

Warum masst sich der Staat an, mit einer standardisierten Grenze über die Lebensarbeitszeit der Menschen zu bestimmen? Viele möchten noch länger etwas beitragen. Wie zum Beispiel der Chemie-Nobelpreisträger John Goodenough (97), dem vor mehr als 30 Jahren die Universität Oxford «verboten» hat, weiter zu forschen. Er machte weiter an der Verbesserung des Lithium-Ionen-Akku.

Wann ist man zu alt zum Arbeiten? Die Antwort auf diese Frage behält sich in den meisten Ländern der Staat vor. In der Schweiz geht man mit 64 (Frauen) oder 65 (Männer) in den Ruhestand, in Deutschland irgendwann zwischen 63 und 67, je nach Geburtsjahrgang. Ein OECD-Vergleich zeigt: Beim Renteneintrittsalter wird langsam mit etwas flexibleren Modellen experimentiert.

Das geht zumindest mal in die richtige Richtung in einer Zeit, in der in vielen Ländern immer weniger junge Menschen die Versorgung von immer mehr älteren Menschen erwirtschaften müssen. Wie sich dieses Verhältnis verschiebt, lässt sich anhand des «Altenquotienten» nachvollziehen. Er berechnet das Verhältnis der Menschen im Rentenalter zur Zahl der arbeitenden Bevölkerung. In der Eurozone liegt er derzeit bei gut 31 Prozent, Tendenz steigend. Merke: Je höher der Wert, desto weniger Menschen kommen in einem Land für die Gesundheitsfürsorge und die soziale Sicherung auf.

Manch einer würde gerne noch etwas beitragen, wird aber in Rente geschickt

Warum aber masst sich der Staat überhaupt an, mit einer standardisierten Grenze über die Lebensarbeitszeit zu entscheiden? Mit Mitte sechzig hat eine wachsende Zahl von Menschen heute noch einen grossen Teil des Lebens vor sich. Manch einer würde gerne noch etwas zur Gesellschaft beitragen, wird aber in Rente geschickt.

Eine zunehmend digitalisierte Wirtschaft bringt neue Formen der Arbeit hervor und verändert den Arbeitsmarkt. Vieles lässt sich über Computer und Smartphone heute von überall aus erledigen. Man muss nicht mehr jeden Morgen pünktlich in der Firma erscheinen. Neue Plattformen für kleinteilige Arbeiten entstehen, die sich nach eigenem Wunsch und eigener Zeiteinteilung zu Hause am Computer erledigen lassen.

Wer jeden Tag eine digitale Patience am Bildschirm legt, mag zwischendurch vielleicht auch mal ein paar Microtasks auf einer Crowdworking-Plattform erledigen. Damit wird man nicht reich, aber es ist eine Leistung, die sich jenseits unserer traditionellen Vorstellungen von Arbeit auch im Alter erbringen lässt.

Der Mensch erwirtschaftet mit Arbeit nicht nur das Geld zum Leben. Er erwirtschaftet auch das soziale Kapital, das einen zum angesehenen Mitglied der Gesellschaft, der Nachbarschaft und der Familie macht. Klar, das Konzept könnte man ändern, aber dafür bedürfte es eines ideellen Kulturwandels, von dem bislang nicht viel zu spüren ist. Die Option auf eine selbstbestimmte Lebensarbeitszeit gäbe manch einem wohl den Sinn zurück, den eine wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern auf dem Golfplatz sucht.

Wer jetzt das Argument der Fabrikarbeiterinnen ins Feld führt, die nach Jahren der körperlichen Arbeit erschöpft sind und sich den Ruhestand redlich verdient haben, der hat Recht. Nur dass immer mehr solcher Arbeiten künftig von Robotern übernommen werden.

Arbeit anders definieren : Schwerstarbeit für die Maschinen, für uns kreative, soziale Arbeit, Erfindungen.

Statt dauernd darüber zu lamentieren, was wir bloss tun sollen, wenn Maschinen uns Menschen die Arbeit streitig machen, könnten wir sie anders definieren. Maschinen machen die Schwerstarbeit, für uns bleiben immer noch genug Aufgaben: kreative Arbeit, soziale Arbeit, Erfindungen.

Wie das gehen kann, zeigt John Goodenough, der in diesem Jahr mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Chemie erhielt. Mit 97 Jahren ist er der bislang älteste Nobelpreisträger aller Zeiten. Vor 33 Jahren hat ihm seine damalige Universität in Oxford quasi verboten, weiter zu arbeiten.

Goodenough emigrierte daraufhin an die Universität Texas in Austin, wo er noch drei Jahrzehnte weiter geforscht hat. Den Nobelpreis hat Goodenough für die Erfindung der Lithium-Ionen-Batterie bekommen. Seine eigene biochemische Batterie hätte auch einen verdient.

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