Kommentar

Umstrittene Frauenquote: Eine Frau allein macht noch kein gemischtes Team

Die Schweiz liegt in Sachen frauengerechtes Arbeitsumfeld weltweit auf dem viertletzten Platz. In anderen Bereichen würden sofortige Akutmassnahmen getroffen. Nicht so in Frauenfragen: Da wird diskutiert und gezaudert und gehadert.

Diese Woche hat mit St.Gallen ein weiteres Stadtparlament seine Regierung beauftragt, eine Geschlechterquote für die Verwaltung festzulegen. Nach Bern, Zürich, Winterthur oder Biel mit eigenen Spielarten von Gendervorgaben sollen in der grössten Ostschweizer Stadt jeweils 50 Prozent Männer und Frauen in Kader- und Führungspositionen vertreten sein.

Ein hehres Ziel, das in weiter Ferne liegt. Und im Falle St.Gallens auch eher einer Zufallsmehrheit zu verdanken als der allgemeinen Überzeugung, dass damit nun plötzlich alles gut werde. Wäre es deshalb ehrlicher, auf Quoten zu verzichten?

Der Mann ist die Norm, die Frau die Ausnahme

Noch immer funktioniert die Schweizer Arbeitswelt weitgehend so: Der Mann ist die Norm, die Frau die Ausnahme - in Führungspositionen ganz besonders. Je höher Frauen die Karriereleiter emporsteigen, desto deutlicher wird ihnen suggeriert, was sie für Ausnahmeerscheinungen seien - und wie dankbar sie doch für ihre Beförderung sein sollten.

Die Beförderung von Frauen in höhere Positionen ist in der Schweiz auch Ende 2019 noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Zehn Prozent beträgt der Frauenanteil gemäss Erhebungen des Zürcher Headhunters Guido Schilling in den Geschäftsleitungen des privaten Sektors, 16 Prozent im Topmanagement.

Männer befördern am liebsten Männer

Noch immer gilt: Männer befördern am liebsten Männer. Hieven sie jedoch eine Frau auf einen Chefposten, sind sie sehr, sehr stolz, klopfen sich auf die Schulter und lehnen sich erst einmal für lange Zeit zurück.

Die Frauen müssen sich in der Folge - meist mehrmals und von verschiedener Seite - die Frage gefallen lassen, ob sie diese Position nun auch wirklich ihrer Leistung zu verdanken hätten oder doch eher ihrem Geschlecht (gerne auch: Aussehen) sowie sonstigen faulen Tricks wie gezieltem Manipulieren der eigenen Karriere. Dinge eben, die man in den vergangenen Jahrtausenden keinem Mann unter die Nase gerieben hätte.

Gewisse Einsichten müssen in den Köpfen ankommen

Erschwerend kommt hinzu, dass gewisse Einsichten noch lange nicht in den Köpfen angekommen sind. Beispielsweise, dass eine Frau allein noch kein gemischtes Team macht.

Siemens-Personalchefin Janina Kugel, Personalchefin über mehr als 370'000 Mitarbeitende, hat vor kurzem am Forbes Women's Summit in Zürich eindrücklich dargelegt, wie Frauen damit gar in eine Art dauerhafte Aussenseiterposition katapultiert werden können. In den Köpfen vieler Entscheidungsträger scheint noch nicht angekommen, dass Diversität, also gemischte Teams, ein echter Erfolgsfaktor sind. Was wissenschaftlich längst nachgewiesen ist.

Das Ziel ernsthaft und ab frühester Stufe zu verfolgen, wird in so vielen Unternehmen und Institutionen so sträflich vernachlässigt, dass die Schweiz in Sachen frauenfreundliches Arbeitsumfeld, dem sogenannten Class-Ceiling-Index, weltweit den viertletzten Platz belegt. Knapp vor der Türkei.

Frauenwahlen: Ein schönes, ermutigendes Zeichen

Die Wahlen im Oktober hatten einen sprunghaften Zuwachs des Frauenanteils im Schweizer Parlament zur Folge - vielleicht auch dank dem Frauenstreik im Juni, der das Thema einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rücken vermochte. Ein schönes, ermutigendes Zeichen auf dem Weg der Frau von der Ausnahme zur Regel. Die Frage, ob Quoten nun eher bewirken, dass Frauen künstlich in ihrem Ausnahmestatus gehalten werden, oder ob sie den Weg zu einer neuen Normalität beschleunigen, wird kontrovers diskutiert.

Eine konsequentere Frauenförderung innerhalb der Parteien mit besseren Listenplätzen und mehr Sichtbarkeit und Medienpräsenz der Frauen hat Wirkung gezeigt. Nun müssen bessere Rahmenbedingungen für das berufliche Fortkommen von Frauen müssen auf allen Ebenen geschaffen werden, damit sie auch im privaten Sektor sichtbarer und zahlreicher werden.

Falls es nicht schnell genug geht - und das tut es derzeit nicht - eben auch mittels Quoten. Wie hoch diese anzusetzen sind, spielt eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, sie bedeuten mehr als ein Feigenblatt auf dem Schosse männlich geführter Organisationen.

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