Landzunge und Stadtmund

Dumm und menschlich: von Antisemitismus, Schlaghosen, und Augenverschliessung

Warum verschliessen wir die Augen vor echten Problemen? (Symbolbild)

Warum verschliessen wir die Augen vor echten Problemen? (Symbolbild)

Der Altweibersommer hat sich abgekühlt, Nebel und Wolken haben jetzt das Sagen am Firmament, und die Ersten suhlen sich bereits in der alljährlichen «Morgens dunkel, abends dunkel»-Winterdepression. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn alles um einen herum kalt und trüb wird, ja stirbt? Na, vielleicht würde es schon helfen, wenn wir uns von dem Gedanken verabschieden würden, dass alles Schöne ewig sein muss. Nur weil der Blumenstrauss irgendwann verblüht, hat er uns zuvor doch trotzdem Freude bereitet. Wieso halten wir nicht an dem fest, anstatt missmutig auf die braunen, verdorrten Blütenblätter zu starren?

Es geht gar nicht darum, dass das Gute den Gegensatz des Schlechten braucht, um uns die jeweilige Bedeutung bewusst zu machen. Es geht vielmehr darum, uns vor Augen zu führen, dass alles seine Zeit hat. Und dass alles auch wieder zurückkommt. Irgendwann wird es wieder Frühling, warm und hell. Aber auch abgesehen von Mutter Naturs Kreislauf kommt alles wieder zurück. Auf der Welt gibt es bekanntlich nichts Neues, denn alles war schon einmal da. Schlaghosen, Dauerwelle und Samt-Shirts sind zurück und im Trend. Wir finden es cool und retro, während unseren Müttern schon nur beim Gedanken daran die geglätteten Haare zu Berge stehen. Klar, Mode kann sich nicht ständig neu erfinden, sie kann nur der Zeit entsprechend neu interpretiert werden.

Doch wie steht es um den Zeitgeist? Ist es wirklich so, dass der Mensch sich ständig weiterentwickelt? Offensichtlich ja nicht, sonst würden wir jetzt nicht die Hosentrends aus den Achtzigern zurückholen. Unersättlich suchen wir nach neuen Horizonten, neuen Herausforderungen – aber im Innersten ist der Mensch noch immer derselbe wie vor hundert oder vor tausend Jahren.

Das menschliche Sein ist äusserst anpassungsfähig, aber ist es auch veränderbar?

Nein, ist es nicht. Da können wir noch so viele neue Erkenntnisse gewinnen, noch so grosse Fortschritte machen, den Menschen als Wesen wird das doch nicht verändern. Der Mensch weiss immer mehr, ja – aber er wird nicht klüger. Er denkt das nur.

Gerade aktuell, nach den Geschehnissen in Halle, schreien alle nach dem Kampf gegen Antisemitismus. Der Zweite Weltkrieg habe ja mehr als deutlich gezeigt, wohin es führt, wenn man die Augen verschliesst und nicht hinsehen will, wo Unrecht geschieht. Ja, das hat er definitiv. Und wir Jungen von heute finden es völlig unverständlich, wie das überhaupt geschehen konnte. Wieso hat niemand etwas gesagt, niemand etwas getan? Tja, was werden wir wohl unseren Kindern in 40 Jahren antworten, wenn sie uns nach dem Grund für unser Augenverschliessen fragen? Heute sind zwar die Konzentrationslager Geschichte, dafür ertrinken tagtäglich Menschen im Mittelmeer. Und was tun wir dagegen? Wir suchen uns im Internet das passende Modell Schlaghosen aus.

Aber vielleicht ist das einfach der Mensch. Zwar nicht böse, aber dumm. Auf ewig.

 

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf

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