Gastkommentar

Warum Zürich verlassen, wenn doch alles so tipptopp ist?

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Die Stadt wird hochgeratet, wen auch immer man fragt. Aber ist es wirklich so? Autorin Esther Girsberger hat zwei Punkte einem Selbsttest unterzogen.

Es ist Ferienzeit. Wir bleiben in Zürich. Schliesslich wird die Stadt so hoch bewertet, dass man sie gar nicht mehr verlassen sollte, auch während der Ferien nicht: Die ETH Zürich belegt unter den bestplatzierten Universitäten weltweit den sechsten Rang, die Universität Zürich schafft es unter die besten 100.

Als eine der wenigen Banken weltweit wird der Zürcher Kantonalbank das Top-Rating (AAA/Aaa) von Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch zugesprochen. Und seit ein paar Wochen dürfen wir Zürcherinnen und Zürcher uns sogar rühmen, in der Stadt zu wohnen, die weltweit über die höchste Lebensqualität verfügt. Immerhin ist es das renommierte englische Magazin «monocle», das diese Platzierung aufgrund sechzig verschiedener Kriterien eruiert hat.

Aber es sind nicht nur die fremden Richter, die uns diese Prädikate verleihen. Auch die vorübergehend nach Zürich entsandten ausländischen Fachkräfte sind mit der Stadt zufrieden, wie die Beratungsgesellschaft Mercer anhand 37 Kriterien herausgefunden hat: Zürich schafft es bei den sogenannten Expats hinter Wien auf den zweiten Platz. Bleiben die Ausserkantonalen. Sind wenigstens sie kritisch? Keine Spur! Besonders beliebt sind Stadt und Region bei den Pendlerinnen und Pendlern, vor allem der Nordost- und Innerschweiz.

Auch der Aargau, die Zentralschweiz und die Südostschweiz inklusive das Tessin sind mit uns sehr zufrieden. Dies sagt zumindest eine Image Monitoring-Studie der Kaleidos Fachhochschule Schweiz von 2014, die vom Kanton Zürich in Auftrag gegeben wurde.

Verständlich, verfügen wir neben unserem Stolz doch über viel Erholungsraum, haben ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem. Das Kulturangebot ist fast zu viel des Guten, kulinarisch haben wir uns die ganze Welt in die Stadt geholt und baden können wir in einem blitzsauberen See.

So viel Lob macht stutzig. In den ruhigeren Sommer(ferien)wochen habe ich zwei der besonders gelobten Kriterien einem Selbsttest unterzogen. Und komme nicht ganz zum gleichen Schluss, Rankings hin oder her. Zum einen der Verkehr: Sollte man es wagen, in der Stadt mit dem Auto unterwegs zu sein, so verhindern nicht nur ungezählte öffentliche Baustellen eine flüssige Fahrt, sondern auch die vielen privat bedingten Baustellen (Erdsonden, private Parklatzbauten, energetisch bedingte Hausdämmungen usw).

Unverständlich und verkehrsbussentechnisch gefährlich auch die 30-er-Zonen, bei denen man nicht versteht, warum sie wo beginnen und wo wieder aufhören. Immer dabei haben sollte man auch genügend Kleingeld für das Parkieren des eigenen Fahrzeuges. Noch immer hat es die sich digitalmässig im Steinzeitalter befindende Stadt nämlich nicht geschafft, dass man die Parkuhren nicht mit Geld füttert, sondern sie per Parkkarte bedient. Der öffentliche Verkehr ist dafür hervorragend, wenngleich selbst in den Ferienwochen der Dichtestress nicht vor den Zügen und Trams Halt macht.

Der zweite Selbsttest galt dem massentauglichen Kulturangebot. Dank der gesunden öffentlichen Finanzen und den vielen zahlungswilligen privaten Sponsoren kommen die Zürcherinnen und Zürcher im Sommer 2019 innert weniger Wochen in den Genuss von mehreren Grossanlässen: der Zurich Pride, (15. Juni), dem Züri-Fäscht (5. – 7. Juli) und der Street-Parade (10. August).

Die Lebensqualität allerdings ist sehr rasch wieder hergestellt: der Platzregen und die technisch mit den modernsten Mitteln versehene Putzarmada schafft es verblüffend schnell, jegliche Spuren (auch die Geruchsimmissionen, verursacht durch natürliche Bedürfnisse) zum Verschwinden zu bringen.

Der letzte Punkt beweist der Zweiflerin dann doch, dass Ranglisten nur bedingt ernst zu nehmen sind. Die erwähnte Mercer-Befragung hat nämlich für «Entsorgung und Hygiene» ein separates Ranking erstellt. Berücksichtigt wurden dabei Abfallbeseitigung und Abwasserinfrastruktur. Bei dieser Rangierung steht Zürich nur an achter Stelle.

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