Wie radikal ist die Klimabewegung? Oder vielmehr: Wie stark könnte sie sich noch radikalisieren? Die Frage stellte sich diese Woche, nachdem sogenannte Aktivisten die Eingänge der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz und der UBS in Basel blockierten. Die Aktion war bestens vorbereitet und wohl orchestriert, bis hin zur Medienwirkung. Ein Kamerateam von SRF war jedenfalls in Zürich noch vor der Polizei am Ort des Geschehens.

Insgesamt wurden 85 Teilnehmer der Blockade festgenommen, die Grossbanken haben Strafanzeige erstattet. Zumal in Zürich haben die Vorkommnisse zu heftigen politischen Debatten geführt. Wie weit darf man in der Verfolgung seiner politischen Ziele gehen? Und darf die Politik auf derlei Aktionen überhaupt eintreten? Fakt ist, dass hier Recht gebrochen wurde.

Tatsache ist aber auch, dass die Aktionen gewaltlos abgelaufen sind. Genauso wie die Protestzüge der Klimajugend, die der globalen Erwärmung im warmen Frühsommer Themenführerschaft eingebracht haben. Die Organisation, welche in Basel und Zürich Finanzinstitute blockierte, steht zudem zumindest offiziell in keinem Zusammenhang mit der Klimajugend.

Alles kein Problem also? Das Gegenteil ist der Fall. Wer sich mit den im Internet publizierten Dokumenten der Klimastreikbewegung eingehend befasst, erkennt, dass es sich dabei nicht einfach um eine spontan zusammengewürfelte Gruppe besorgter Schülerinnen und Schüler handelt. Es sind in Struktur und Diktion Grundzüge einer straffen Organisation zu erkennen, die stark an jene linker Splitterorganisationen erinnern. Wichtige Entscheidungen werden beispielsweise hinter verschlossenen Türen getroffen und nicht «mit der breiteren Bewegung» geteilt, heisst es etwa in einem Beschluss-Protokoll der Bewegung.

Die Ziele, so erfährt man weiter, liegen darüber hinaus nicht nur im Klimaschutz, sondern tragen klassenkämpferische Züge. Zum Beispiel, wenn von der «Konvergenz der Interessen der arbeitenden Bevölkerung und der Klimastreikbewegung» die Rede ist, oder von mit den Gewerkschaften zu organisierenden Streiks. Dabei ist Rücksichtnahme auf den Gang politischer Prozesse nicht vorgesehen, vielmehr «konkrete Deadlines». Und falls sich die Ziele nicht genügend schnell erreichen liessen, so brauche es «einen Systemwandel». So etwas schreiben keine unpolitischen Gymnasiasten. Gewiss, die überwiegende Mehrzahl jener, die sich an Protesten für den Klimawandel beteiligen, tut dies in echter Besorgnis um die Umwelt oder – auch dies mag eine Rolle spielen – um des Erlebniswerts willen. Das dürfte auch heute Samstag so sein, da zum Zürcher Sommerferienbeginn Aktionen gegen den Flugverkehr geplant sind.

Problematisch ist indes, dass Teile dieser Bewegungen offenbar wenig Verständnis für demokratische politische Prozesse haben. Das zeigt sich nicht zuletzt im Begriff des «Aktivisten», der sich definitionsgemäss in der Verfolgung seiner Ziele vom «Politiker» unterscheidet. Und es zeigt sich in der verächtlichen Verwendung des Begriffs «System» für unsere verfassungsmässige Ordnung.

Man muss vor diesem Hintergrund keine Kassandra sein, wenn man befürchtet, es könnten sich in diesem Dunstkreis Zellen bilden, denen der legale Protest dereinst nicht mehr ausreicht. Es werde spätestens 2020 «ein anderer Wind wehen», drückte sich vor kurzem ein Klimastreikbewegter im «Sonntagsblick» aus. Nicht nur das: Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass Chaotentruppen wie der «Schwarze Block» im Windschatten der Klimastreiker ihre krude Gewalt-und-Klassenkampf-Ideologie ausleben könnten – ein Phänomen, wie man es schliesslich auch vom 1. Mai zur Genüge kennt.

Das wäre Gift für die politischen Anliegen der redlichen Klimabewegten. Sie sind die ersten, die inner- und ausserhalb jener Gruppen, in denen sie aktiv sind, Radikalisierungstendenzen aus eigenem Interesse ersticken müssen. Gegen Kräfte, welche die Klimajugend zu verführen suchen, muss konzertiert vorgegangen werden. Junge Menschen sollen sich einbringen, sie sollen sich politisch engagieren und sie dürfen ungeduldig, ja zornig sein. Es geht schliesslich um ihre Zukunft. Aber genau diese sollten sie sich auch nicht mit unüberlegten Handlungen verbauen.

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