Aufgebrezelt, aufgedonnert und aufgetakelt stehen sie da, strahlen auf dem roten Teppich um die Wette und werfen sich im Blitzlichtgewitter in Pose. Dieses Wochenende feiert sich die Schweizer Musikszene im ehrwürdigen KKL Luzern an der Verleihung der Swiss Music Awards, dem wichtigsten Musikpreis des Landes. Es ist der Auftritt der Erfolgreichen und gleichzeitig die Parade der Braven und Angepassten. Das KKL wird heute zur Insel der Seligen.

Dabei ist die Welt im Dauerkrisenzustand. Seit dem Ende des Kalten Krieges war die Situation nie mehr so prekär. Dementsprechend gross ist die Verunsicherung in der Bevölkerung. Ohnmacht breitet sich aus. Jeder misstraut jedem – vor allem denen da oben. Der Protestkatalog wird grösser und grösser, die Wut steigt und macht sich Luft in Demonstrationen. Hunderttausende gehen seit gut einem Jahr in den westlichen Hauptstädten auf die Strasse und verschaffen ihrem Unmut Ausdruck. Auch in der Schweiz, wo die Jugendlichen von der Protestwelle erfasst worden sind.

Und Popmusik ist weltweit wieder zum Seismografen von politischen, gesellschaftlichen und sozialen Erschütterungen geworden. 50 Jahre nach Woodstock haben sich Pop-, Rock- und Hip-Hop-Stars wieder zu Wortführern des Protests aufgeschwungen. Nur der Schweizer Pop, vor allem das nach innen gerichtete Mundartgenre, steht im krassen Gegensatz zur allgemeinen Befindlichkeit.

Mundart-Pop ist weitgehend politabstinent: Statt #MeToo gibt die Hausfrauen- und Mama-Band «Härz» den Ton an. Statt für Offenheit zu plädieren, sind wir von «Heimweh» geplagt. Die grosse Mehrheit der Alben in der Jahreshitparade hat einen volkstümlichen oder Schlager-Hintergrund, der völlig ungefiltert traditionelle Werte transportiert.

Wer in der Schweiz polarisiert, wird nicht am Radio gespielt

Schweizer Mundart-Künstler sind zu bedauern. Wer Erfolg haben und sich eine anhaltende Existenz als Musiker aufbauen will, der muss sich an die Gesetze und Mechanismen des kleinen Deutschschweizer Marktes halten. Wichtigstes Gebot: Ja nicht anecken, ja niemanden verärgern. Wer polarisiert, wer es sich mit einem Teil der Bevölkerung verscherzt, der wird es schwer haben. Der wird gemieden.

Ein Auftritt am Schweizer Fernsehen? Undenkbar! Ein Platz in der Playlist der Schweizer Radios? Unmöglich! So werden sogar die erfolgreichsten Songs wie der harmlose Song «Prinzessa» des deutschen Rappers Capital Bra (letzte Woche auf Platz 1 der Schweizer Hitparade) einfach totgeschwiegen. Es darf nicht sein, was nicht passt.

Das Resultat ist eine gleichförmige, keimfreie, weitgehend mut- und gehaltlose Musik. Ja, sogar die einst aufmüpfigen Schweizer Rapper sind längst handzahm, massentauglich geworden und lecken selbstmitleidig die Wunden ihrer Midlife-Crisis.

Die Schweizer Mundartmusiker sind gefangen in einem System, das die Mittelmässigkeit begünstigt und fördert. Es ist eine Art Selbstzensur. Vorauseilender ängstlicher Gehorsam von Braven, die sich die Regeln diktieren lassen. Lieber schweigen und kuschen statt aufmucken. Vor einiger Zeit hat diese Zeitung bei rund 50 Schweizer Popmusikern und Popmusikerinnen politische Fragen gestellt. Der Rücklauf war bedenklich. Nur knapp 10 Prozent haben den Mut gefunden zu antworten. Die anderen haben sich den Mund verbieten lassen, wollten keine Stellung beziehen.

Es ist Zeit, den Mächtigen dieser Welt auf die Füsse zu treten

Dabei beweist gerade das Beispiel des erfolgreichen deutschen Rappers Capital Bra, dass die Gesetze von einst, definiert in den fetten Jahren der Musikindustrie, aufgebrochen sind und nicht mehr gelten. Die Königsmacher des Pop, die Labels haben das Monopol verloren und die Radios machen keine Hits mehr. Ich werde nicht am Radio gespielt? Na und? Es gibt andere Möglichkeiten und Kanäle. Man muss sie aber nutzen.

Die digitale Revolution hat die einst mächtige Musikindustrie in eine tiefe Krise gestürzt und teilweise entmachtet. Umgekehrt eröffnet sie dem einzelnen Musiker die Möglichkeit, das Heft in die eigenen Hände zu nehmen. Mit umstrittenen Botschaften und unbequemen Wahrheiten. Die Musiker sind heute unabhängiger und freier denn je.

Nein, wir wollen keine reaktionären, frauenfeindlichen, homophoben oder rassistische Provokationen. Zu billig! Aber bitte auch keine Parteiparolen, keine angelernten Pseudo-Weisheiten aus dem Seminar über Karl Marx oder der Mottenkiste des Sozialismus. Vielmehr geht es darum, die eigenen Probleme der Zeit oder auch die Probleme einer Generation mit den Mitteln der Popmusik abzubilden.

Es geht um die eigenen Geschichten und die Geschichten einer Generation. Es geht um Identitäten in einer Welt des Umbruchs. Es geht darum, die Herausforderungen beim Namen zu nennen und im besten Fall eigene Wahrheiten und Visionen zu entwickeln. Nicht jammern und klagen, aber aufrütteln und anklagen. Es ist Zeit, den Mächtigen dieser Welt auf die Füsse zu treten.