Frau Lüscher hat wieder angerufen. Am nächsten Sonntag ist ja wieder Muttertag. Und das stresse sie, sagte Frau Lüscher. Sie möge diese organisierte Dankbarkeit immer am zweiten Sonntag im Mai überhaupt nicht. Denn jedes Mal, wenn die inzwischen erwachsenen Kinder ihr den traditionellen Rosenstrauss schenken (sie glauben immer noch, Rosen seien die Lieblingsblumen der Mutter) und die Familie im Restaurant beim Apéro sitze und auf das Essen warte, zu dem die Kinder eingeladen haben (die Rechnung teilen sie nachher auf dem Parkplatz durch drei), ja, da müsse sie sich ständig fragen, ob das alles freiwillig geschehe oder bloss, weil Muttertag sei und die Kinder einer aufgezwungenen Konvention folgen.

Und dann rutsche ihr genau diese Frage im dümmsten Moment heraus, die Kinder seien beleidigt, die gute Stimmung futsch, und ihr Mann setze wieder seinen stummen Blick voller Unverständnis auf, kombiniert mit seinem einzigartigen, unmerklichen Kopfschütteln. Sie habe genug, sagte Frau Lüscher, sie wolle nicht mehr auf Bestellung dankbar sein.

Ich hörte aufmerksam zu, wusste aber nicht recht, was das mit mir zu tun haben könnte, fragte deshalb Frau Lüscher, warum sie ausgerechnet mir von ihrer Muttertagswut erzähle.
«Ich bin sicher, dass es andern Müttern ebenso geht», sagte Frau Lüscher.

«Deshalb schlage ich vor, dass wir den Muttertag neu definieren: Am Muttertag lassen wir Mütter unsere Familien im Stich und feiern mit andern Müttern, dass wir Mütter sind. Wir feiern wild und laut. Denn Mütter sind einzigartig und unendlich viel wichtiger für die Menschheit als alle amtlichen und selbst ernannten Wichtigtuer.»


«Danke», sagte ich zu Frau Lüscher, «genau so werde ich das schreiben.»