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Massenproduktion und Billigfleisch: Den Einkaufszettel sprechen lassen

Beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies infizierten sich über 1000 Mitarbeiter mit dem neuen Coronavirus.

Beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies infizierten sich über 1000 Mitarbeiter mit dem neuen Coronavirus.

Nicht erst seit dem Fleischskandal um Tönnies ist klar, dass unsere Ernährung Probleme schafft. Pestizideinsatz, Überfischung der Meere, Überdüngung schaden der Natur und somit auch dem Menschen.

Bei Tönnies, einem der grössten Schlachtbetriebe Deutschlands, wurde ein Corona-Hotspot entdeckt. Über 1000 Mitarbeiter und deren Familienangehörige aus Rumänien und Bulgarien, die beinahe wie Mastschweine zusammengepfercht in ihren Wohnsiedlungen hausen, sind positiv getestet worden. Schlecht entlöhnte Arbeitskräfte, damit das Billig-Schnitzel möglich wird. Nun leben sie eingezäunt in Quarantäne – mit Fresspäckchen von Nachbarn versorgt, welche diese über den Zaun werfen.

Es brauchte ein Virus, das uns alle treffen kann und das man gerade so einigermassen für besiegt hielt, um zum wiederholten Mal die prekären Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachtbetrieben ans Tageslicht zu befördern. Während auf der einen Seite Ernährungssensible, den anderen das für unseren Körper wertvolle Fleisch madig reden, steigt auf der anderen Seite der Druck, das weniger nachgefragte Fleisch noch billiger zu produzieren, um den Absatz in Schwung zu halten.

Das ist nur mit einer Massenproduktion möglich, die Mensch und Tier schadet. Zugrunde liegt hier eine Geringschätzung beider. Zum ersten der Menschen, die das Discounter-Fleisch produzieren müssen, und zum zweiten dem Tier, das nicht als lebenswertes Geschöpf, sondern nur als Massenware behandelt wird.

Verachtung der Tiers rächt sich

Diese Verachtung des Tiers und der Natur rächt sich immer wieder und wird nicht nur bei Tönnies deutlich. Der Ursprung des Coronavirus stammt nicht von Tieren aus Massenproduktion, sondern von einem der vielen chinesischen Tiermärkte. Dort werden die Tiere in abscheulicher Weise gehalten und zusammengesperrt. Von diesen vergewaltigten Tieren springt das Virus auf den Menschen und verteilt sich wie beim Coronavirus nicht zum ersten Mal gesehen in der globalisierten Welt.

Zoonose ist der Begriff für das Überspringen des Virus vom Tier auf den Menschen und daran ist nicht die Fledermaus schuld, die ohne menschliche Eingriffe mit dem Virus leben könnte. Möglich macht die Zoonose der Mensch, der die Tiere nicht so behandelt, wie es Lebewesen verdienen. Die Aufrufe, die Grausamkeit auf den chinesischen Tiermärkten zu beenden, sind so im Nichts verhallt, wie jene, welche die prekäre Situation in den Billig-Schlachthöfen angeprangert haben.

Unser Ernährungsverhalten und die Nahrungsproduktion zeigen unser Problem mit der Natur auf vielfältige Weise. Da ist die Überfischung der Meere, der Medikamenteneinsatz in Aquakulturen und Mastställen, Superfood, der um die halbe Erde reist, um ein Lifestyleversprechen auf dem Teller zu erfüllen. Oder der oft kritisierte Pestizid-, Insektizid- und Fungizideinsatz, um schorffreie Äpfel nach Mass oder übergrosse Erdbeeren zu produzieren wie auch das Ausbringen eines Übermasses an Dünger, um fettige Wiesen in der intensiven Landwirtschaft zu ermöglichen, welche die Artenvielfalt laufend schwinden lässt.

Selbst etwas tun, statt nur zu schimpfen

Dagegen könnte man tatsächlich selbst etwas tun, statt über Tönnies zu schimpfen und dabei gleich auch noch die verantwortungsvollen Metzgereien in den gleichen Topf zu werfen. Massenproduktion und Chemieeinsatz rechtfertigt die Ernährungsbranche mit dem Wunsch des Kunden: Dieser will den fleckfreien, grossen Apfel und kauft nur die kerzengerade Karotte und das billige Fleisch.

Statt zu lästern, kann man seinen Einkaufszettel sprechen lassen. Auf diesem steht dann zum Beispiel Fleisch aus einer Produktion, die das Tierwohl berücksichtigt. Früchte und Gemüse, die nicht nur gesund aussehen, sondern das auch wirklich sind und naturnah produziert werden. Superfood gibt es auch in der Schweiz, Vitaminreiche Kost muss nicht um den halben Globus transportiert werden.

Neu sind die Ratschläge, die Herkunft der Nahrung besser zu betrachten und danach zu handeln, nicht: Vielleicht hilft das Virus, dass der eine oder andere sich einen Gedanken mehr dazu macht, wenn er vor dem Einkaufsregal steht oder die Schnäpplitour nach Konstanz oder Waldshut ins Auge fasst.

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Autor

Bruno Knellwolf

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