Greta Thunberg war wieder unterwegs. Am Dienstag besuchte die schwedische Klimaaktivistin das Europaparlament in Strassburg. Tags darauf schüttelte sie Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom die Hand. Gereist ist Greta natürlich wie immer mit dem Zug. Fliegen ist für sie tabu. In ihrer Heimat Schweden hat sich deshalb ein neuer Begriff etabliert: Flygskam – Flugscham.

Das Wort macht gerade Karriere, vermutlich wird es bald in den Duden aufgenommen. Unabhängig davon, ob man sich für die Fliegerei schämen sollte, haben die 16-jährige Schwedin mit dem Asperger-Syndrom und die Klimastreikbewegung in kurzer Zeit enorm viel erreicht. Die Bedrohung, die der Klimawandel darstellt, ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen.

Eigentlich weiss man es schon lange, spätestens seit Al Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit» von 2006. Passiert aber ist wenig, trotz des Pariser Klimaabkommens. Nun reden plötzlich alle davon. Für Christoph Blocher mag das Klima ein «Modethema» sein, seine SVP-Bauern aber bekommen die Folgen des immer extremeren Wetters direkt zu spüren.

Selbst die Erdölvereinigung wirbt in ihrer neusten Kampagne für die «CO2-arme Ölheizung». Swiss-CEO Thomas Klühr hat an der Bilanzmedienkonferenz der Airline des Langen und Breiten über das Klima referiert. Die Grossverbraucher von fossilen Energieträgern befinden sich offenbar unter Rechtfertigungsdruck. Das ist ein beachtlicher Erfolg für die streikenden Schülerinnen und Schüler.

Greta Thunbeg als neuer Jesus?!

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch verglich in seiner Predigt am Palmsonntag die Klimademos mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, an den dieser Tag erinnert. Greta Thunberg als neuer Jesus? Oh Jesses! Es genügt, dass man sie für den Friedensnobelpreis nominiert hat. Al Gore hat ihn schon bekommen, nicht zuletzt dank «Eine unbequeme Wahrheit».

Die Einsicht, dass etwas geschehen muss und die Zeit uns davonläuft, ist in den letzten Monaten beträchtlich gewachsen. Doch führt dies auch zu einer Änderung unseres Verhaltens? Gerade bei der Fliegerei besteht Handlungsbedarf. Sie ist in den letzten Jahren dreckbillig geworden, weshalb Flugreisen gerade in der Schweiz in den letzten Jahren fast explosionsartig zugenommen haben.

Das führt zu einer Entwicklung, die ich als «Huschhusch-Fliegerei» bezeichne: Mal husch für ein paar Tage nach Mallorca, mal husch ein Shopping-Trip nach London. Oder gleich New York? Dubai ist auch cool. Über Ostern statt ins Tessin nach Kreta – klar doch!

Der Offroader-Boom ist nicht weniger problematisch als die Vielfliegerei.

Der Offroader-Boom ist nicht weniger problematisch als die Vielfliegerei.

Ich kann mit dieser Herumfliegerei nichts anfangen. Ich bin in den 1970er Jahren aufgewachsen. Damals waren Linienflüge teuer und auch für Menschen kaum erschwinglich, die nicht in Armut lebten. Vor meinem 18. Geburtstag bin ich genau einmal geflogen, nach London.

Die Schulreise im Zug nach Paris

Die Abschlussreise meiner Sek-Schulklasse führte 1979 mit dem Zug nach Paris. Das war vor dem TGV, die Fahrt dauerte fast doppelt so lange wie heute. Aber wir fühlten uns grossartig, denn Schulreisen ins Ausland waren damals absolut nicht üblich. Heute sind sie fast normal. Und meinen ersten Langstreckenflug machte ich mit 24, von Hongkong nach London.

Diese Erfahrung wirkt bis heute. Ich betrachte mich als Wenigflieger. Auch in einem anderen Bereich wirkt meine Sozialisation in den 70ern. Offroader waren damals so exotisch wie ein Ferrari oder Lamborghini. Heute sind diese Spritfresser im Strassenverkehr omnipräsent, ihr Absatz nahm in den letzten Jahren ähnlich stark zu wie die Fliegerei.

Ein allradgetriebenes Fahrzeug macht Sinn im Gebirge, aber sicher nicht im Schweizer Mittelland mit seinem gut ausgebauten Strassennetz. Hier dient es als Statussymbol oder der Befriedigung eines diffusen Bedürfnisses nach Sicherheit. Um es klar und deutlich zu sagen: Der gedankenlose Flug- und SUV-Boom ist Ausdruck unserer Wohlstandsverwahrlosung.

Denn das Leben in den 70er Jahren war keineswegs schlecht. In Teilen der westlichen Welt werden sie als eine Art «goldenes Zeitalter» verherrlicht, in dem es Arbeit für alle gab ohne Bedrohung durch Billigkonkurrenz aus Fernost oder Roboter. Es gab keine Smartphones und nur wenige Fernsehprogramme, dafür bemannte Bahnhöfe und eine Post in jedem Dorf.

Vorschriften genügen nicht

Wenn wir uns wirklich Sorgen um das Klima machen, genügen staatliche Vorschriften nicht. Die Flugticketabgabe wird mit dem neuen CO2-Gesetz vermutlich kommen, aber es braucht auch Eigenverantwortung. Muss man deshalb auf das Fliegen verzichten? Nur noch Ferien im Wallis oder an der Adria? Sicher nicht, aber wir sollten bewusster fliegen.

Fernreisen können durchaus Sinn machen, auch und gerade unter dem Aspekt des Umweltschutzes. Bedrohte Landschaften und Tierarten können gerettet werden, wenn die lokale Bevölkerung erkennt, dass ihr Schutz Touristen anzieht, die Geld und Arbeit bringen. Aber mal schnell nach Barcelona oder Berlin jetten, bringt keinen Gewinn an Lebensqualität.

Man kann leben ohne Huschhusch-Flüge und Mittelland-Offroader. Sehr gut sogar. Ich kann es bestätigen.