Jetzt sind wir wieder die Guten. Vorbilder für den Kontinent. Ein Ausbund an politischer Weisheit und demokratischer Reife. Wie sie uns gestreichelt haben, vorgestern Sonntag, die ausländischen Meinungsmacher, nach dem deutlichen Nein des Stimmvolks zur Durchsetzungsinitiative der SVP. «Die Schweizer haben den Angriff auf ihre demokratische Verfassung erkannt und sich konsequent zur Wehr gesetzt», lobt die linksliberale «Süddeutsche Zeitung». Die Populisten hätten kein Abonnement auf den Volkswillen. Und der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD) twitterte: «Die Schweizer haben eindrucksvoll gezeigt, dass es zwischen Stammtischparolen und Volkes Meinung einen Unterschied gibt.» Auch die Pariser «Libération», der spanische «El Pais» oder der Wiener «Standard» waren des Lobes voll über Helvetiens Weitsicht im Umgang mit kriminellen Ausländern. Nur den beiden grossen italienischen Blättern «Corriere della Sera» und «La Repubblica» war das Votum keine Zeile wert.

Europas Herz der Finsternis

Was für ein Unterschied zur (medien-)politischen Schelte, die sich im Nachgang zur Abstimmung über die Begrenzung der Zuwanderung vor gut zwei Jahren über unser Land ergossen hatte: Vom «verblödeten Land am Alpenrand» war damals die Rede, von einem «Land des Geldes, Land der Angst». Von einer Demokratie, die den Rattenfängern am rechten Rand auf den Leim gekrochen sei. Unvergessen ist auch die Schlagzeile des britischen «Independent», der die Schweiz bereits 2007 im Zusammenhang mit den Schafplakaten der SVP als «Europas Herz der Finsternis» brandmarkte und auf der Insel eine Debatte darüber auslöste, ob die einst so beschauliche Eidgenossenschaft in die Hände primitiver Rassisten und grobschlächtiger Fremdenfeinde geraten sei.

Die Reaktionen zeigen, wie volatil unser Image im Ausland ist. Mal top, mal flop, immer abhängig von der aktuellen politischen Stimmungslage und der Tiefenschärfe des Reporters, der sich unseres Landes annimmt. Nur die wenigsten europäischen Medien leisten sich einen permanenten Schweiz-Korrespondenten. Das Land spielt in der täglichen Berichterstattung etwa dieselbe Rolle wie die litauische Innenpolitik bei uns: keine. Das ändert sich freilich, wenn Abstimmungsresultate tradierte Klischees infrage stellen. Die Erfolge der SVP in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren haben in politisch interessierten Kreisen Europas das Bild eines überaus konservativen, latent xenophoben Landes zementiert. Umso erstaunter nehmen nun viele Meinungsmacher zur Kenntnis, dass wir weder verblödet noch gänzlich den Rassisten anheimgefallen sind.

Der Blick zur Mutter

Fast spannender aber als die stereotypen und oft oberflächlichen ausländischen Einschätzungen ist unsere Fixierung auf diese. Wie ein Kind, das sich periodisch der Anwesenheit seiner Mutter vergewissert, blicken wir Deutschschweizer nach jedem Abstimmungssonntag in die deutsche Presse und nehmen gebannt zu Kenntnis, wie der grosse Bruder über uns urteilt. Liebt er uns noch oder hasst er uns schon? Ähnliche Rituale gibt es in der Romandie, wo jeder Pieps aus Paris zur grossen Schlagzeile aufgebauscht wird. Es sei denn, der Pieps aus Paris bleibt wieder einmal aus. Die Franzosen gehören nämlich nicht gerade zu jenen Völkern – verzeihen Sie die Pauschalisierung –, die sich übermässig für Belange kleinerer Nationen interessieren. Am ärgsten ergeht es in dieser Hinsicht unseren Miteidgenossen im Tessin, die von den italienischen Nachbarn im Normalfall höflich ignoriert werden, es sei denn, die Lega dei Ticinesi vergleicht lombardische Grenzgänger wieder einmal mit gefrässigen Ratten.

Warum haben bei uns ausländische Reaktionen einen so hohen Stellenwert? Gewiss, ein kleines Land ist mehr auf den Goodwill der Nachbarn angewiesen als ein grosses. Zudem sind wir sprachlich und kulturell Teil von drei grossen europäischen Kulturen. Das erleichtert den Austausch und fördert das Interesse. Vielleicht aber ist unsere grosse Sehnsucht nach ausländischen Rückmeldungen auch Ausdruck eines kollektiven, tieferen Bewusstseins, das uns letztlich auszeichnet. Wir ahnen möglicherweise instinktiv, dass unsere Souveränität weit relativer ist, als sie in Sonntagsreden dargestellt wird. Unsere direktdemokratisch zelebrierte Autonomie stösst rasch an Grenzen – unabhängig davon, ob Volk und Stände zugestimmt haben.