Wer die Bilder der Klima-Demonstrationen im Kopf hat, diese energiegeladenen jungen Menschen mit entschlossenen Gesichtern, auf den wirken die gestrigen 1.-Mai-Umzüge kraftlos, ja fast museal: Die gleichen roten Fahnen wie jedes Jahr, mehrheitlich angejahrte Teilnehmer, in den Grossstädten die übliche Portion Rauchpetarden und Farbbeutel. In der Schweiz wird die junge Generation zurzeit stärker durch ökologische Fragen politisiert als durch die Verteilungsfrage, das zentrale Thema der sozialen Bewegung.

In anderen westlichen Gesellschaften ist es umgekehrt. Gemäss Umfragen beurteilt erstmals eine Mehrheit der jungen Amerikaner den Sozialismus positiv. Ihr Idol ist die New Yorkerin Alexandria Ocasio-Cortez. Das Idol der europäischen Klimakampf-Generation ist die Schwedin Greta Thunberg. Zwar ist der Klimaschutz auch für Ocasio-Cortez wichtig, aber die Umverteilung von Reich zu Arm hat Vorrang.

Was die Sozialisten in den USA fordern, etwa Krankenkasse für alle und progressive Steuern, ist auf unserem Kontinent längst Realität. Darum mobilisiert die hiesige Klimajugend – zu einem schönen Teil Gymnasiasten aus gutem Hause – nicht gegen Reiche, sondern gegen die Klimaerwärmung.

Spannend wird es, wenn die Politik ihre Forderungen umsetzt, also das Autofahren, Fliegen und Wohnen verteuert. Dann steht auf einmal die Verteilungsfrage im Raum. Dürfen Kleinverdiener noch nach Mallorca fliegen? Das Pendel könnte dann – siehe «Gilets jaunes» in Frankreich – vom Klima- zum Klassenkampf schwingen.

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