«Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen.» Dieser Satz aus einem der grossen Choräle der Christenheit formuliert eine unbestreitbare Lebenserfahrung von uns Menschen. Mitten im Leben reisst der Tod klaffende Lücken in unserem Lebenskreis auf im Wegsterben von uns lieben Menschen. In unserer menschlichen Erfahrung ist deshalb das Grab das endgültige Ende des Lebens.

Auch im übertragenen Sinn steht das Grab für das Ende von menschlichen Hoffnungen, die sich als Illusionen herausgestellt haben. Menschen, in deren Leben der Wärmestrom der Hoffnung erkaltet ist und die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen, pflegen zu sagen, sie kämen sich wie lebendig begraben vor.

Auch an Ostern steht ein Grab im Mittelpunkt, nämlich das Grab, in das Jesus von Nazareth nach der Kreuzigung am Karfreitag gelegt worden ist. Jesus, der in unsere Welt gekommen ist, um den lebendigen Gott in unsere Welt zu bringen, ist nun tot und begraben. Im Grab Jesu sind auch die grossen Hoffnungen, die die Jünger auf Jesus gesetzt hatten, mit begraben. Auch Gott scheint Jesus nicht zu retten: ihn, der sich allein Gottes Sohn nennen durfte.

Kardinal Kurt Koch

Kardinal Kurt Koch

Dies ist der Karsamstag: der Tag der Grabesruhe Jesu, der Tag der schweigenden Leere und der Tag der Verborgenheit Gottes. «Gottesfinsternis» dürfte das präzise Wort für diesen Tag sein. Der Karsamstag scheint auch der Tag zu sein, der unserer heutigen Lebenssituation am ehesten entspricht und die Frage aufwirft, ob und wie es denn nach dem Karfreitag weitergehen kann. Denn auch heute erfahren wir oft eher Karsamstag als Ostern.

Ostern aber verkündet uns, dass der Karsamstag noch eine ganz andere, nämlich eine helle Seite hat. Denn das Grab Jesu ist gerade nicht das Ende der Möglichkeiten Gottes. Im Grab Jesu hat sich vielmehr die grösste Explosion des Lebens, die sich ausdenken lässt, ereignet oder – in der Sprache der Evolutionslehre – die grösste Mutation, der entscheidende Sprung vom im Grab eingeschlossenen Tod zum neuen Leben, das von Gott geschenkt ist. Denn Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen, sondern ihn zu neuem Leben auferweckt.

Kardinal Kurt Koch

Kardinal Kurt Koch

Mit der Auferweckung Jesu steht oder fällt der christliche Glaube, wie die frühen Christen dies mit den klaren Worten zum Ausdruck gebracht haben: «Nimm die Auferstehung hinweg, und auf der Stelle zerstört du das Christentum.»

Ostern ist die tröstliche Antwort auf die menschliche Hoffnung, dass in unserem Leben nur das zweitletzte Wort «Tod» heisst. Das letzte Wort behält sich Gott selbst vor; und es heisst «Leben». Dieses Wort kann nur Gott sagen. Niemand in der Welt ist in der Lage, es mit dem Tod aufzunehmen. Den Tod entmachten und Tote auferwecken kann nur Gott. Diesen Tod des Todes hat Gott an seinem Sohn Jesus vollzogen und damit gezeigt, dass er der Schöpfer der Welt ist, der das Leben, das er erschaffen hat, nicht ins Nichts fallen lässt, sondern in sein ewiges Leben heimbringt.

Dieses Ereignis bekennen wir Christen im Glaubensbekenntnis mit den Worten: «hinabgestiegen in das Reich des Todes». In dieses Reich wollte Jesus gehen, um auch mit unserem Todsein solidarisch zu sein. Zugleich wollte er sich an diesen Ort begeben, um in die eiskalte Region des Todes die warme Liebe Gottes zu bringen. Damit hat er den Tod im Kern bereits überwunden. Denn es ist allein die Liebe, die stärker ist als der Tod. Indem Jesus die Liebe Gottes in das Reich des Todes gebracht hat, gibt es Leben mitten im Tod.

«Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen.» Dies ist die harte Wahrheit des menschlichen Lebens. Ostern aber hat den Mut und die Kraft, diese Wahrheit auf den Kopf zu stellen mit der befreienden Botschaft, dass wir mitten im Tod mit dem Leben Gottes umfangen sind. Mitten im Tod gibt es Leben, weil Gott Jesus, seinem geliebten Sohn, neues Leben geschenkt hat und allen Menschen Anteil an diesem Leben geben will. So ist Ostern der Tag des Lebens, das das kostbarste Geschenk Gottes ist, und der Tag des Sieges Gottes über die scheinbare Allmacht des menschlichen Todes.

Gewiss leben wir auch angesichts von Ostern weiterhin am Karsamstag, jedoch an einem österlich erhellten und verwandelten Karsamstag. Denn inmitten des Karsamstags leuchtet das Licht der Auferstehung auf. Unser Leben steht zwar noch nicht im vollen Licht von Ostern; aber wir dürfen vertrauensvoll auf Ostern zugehen, indem wir uns Gottes Lebensliebe schenken lassen und selbst in Liebe dem Leben dienen. Wir sind in die Pflicht genommen, als österliche Menschen zu leben, und dies heisst: nicht als Handlanger des Todes im Kleinen wie im Grossen, sondern als Liebhaber des Lebens, die das Leben eines jeden Geschöpfs und der ganzen Schöpfung achten und fördern.