Analyse

«Jeder Tote ist einer zu viel»: Stimmt das?

Auch der neue Bundespräsident Guy Parmelin nahm den Satz "Jeder Tote ist einer zu viel" in den Mund. (Archivbild)

Auch der neue Bundespräsident Guy Parmelin nahm den Satz "Jeder Tote ist einer zu viel" in den Mund. (Archivbild)

Tote in der Pandemie sind Zahlen in einer Statistik. Vorerst. Dann kommt Betroffenheit auf. Denn es sind natürlich auch Schicksale. Nicht nur verlorene Lebensjahre, sondern auch hinterbliebene Angehörige. Also sagt man: «Jeder Tote ist einer zu viel.» Ein Satz, schnell gesagt, aber folgenlos.

Der Philosoph Ludwig Hasler sagte im «Blick»: «Ein häufiger Satz an den vielen Pressekonferenzen war: Jeder Tote ist einer zu viel. Aber das stimmt nicht.» Der neue Bundespräsident Guy Parmelin und viele andere sagten den Satz auch. Er ist schnell gesagt.

Aber man sollte ihn hinterfragen. Denn er dient im Moment und im Angesicht der Pandemie Politikern und anderen Entscheidern als Betroffenheitsübung: «Jeder Tote ist einer zu viel.» Man kann jetzt ernst nehmen, wer so redet. Und fragt ihn dann: «Du bist also bereit, diese Verantwortung auf dich zu nehmen? Was machst du dann noch hier?» Oder man kann Unverbindliches in den Bart murmeln – wie: dass es halt der Lauf des Lebens sei.

Sterben tun die Anderen. – Und der Gedanke, dass ich auch einmal nicht mehr da bin?

Warum kommt es überhaupt zu dieser Betroffenheitsübung? Aus dem Existenziellen. Es ist ja sonnenklar: Der Tod ist ein Skandal, der darf im Leben keinen Platz haben. Das Existenzielle ist das Individuelle. Den Tod erleben wir als das Gestorbensein anderer. Und bereits die antike Philosophie hat die Antwort darauf gegeben: Philosophieren ist sterben lernen. Von Sokrates/Platon über Montaigne bis zu Heideggers «Vorlaufen zum Tode». Es ist unsere existenzielle Aufgabe, die Todeserfahrung vollständig zu machen: auch die andere Seite ins Bewusstsein zu lassen, die, wenn ich nicht mehr da bin. Einige haben deshalb empfohlen, man solle in den Schulen vermehrt die Stoiker lesen.

Die Statistik und das dumpfe Gefühl, dass etwas passiert, was nicht darf

Woher kommt die Betroffenheit? Aus zwei Quellen: Einmal aus der pandemiegetriebenen Statistik, welche unübliche Todeszahlen liefert; und zum Zweiten aus einer allgemeinen Befindlichkeit, dass Leute sterben, die nicht oder noch nicht sterben sollten – «weil das einfach nicht sein darf».

Die Statistik ist schnell abgehandelt. In einem Alterssegment ist die Kurve nach oben ausgerissen: Übersterblichkeit bei den Ü65. Bei der Bewältigung bleibt man meist im Statistischen. Und zitiert vielleicht den Median der Lebensalter der Verstorbenen. Der sei über oder wenigstens nahe dran an der durchschnittlichen Lebenserwartung. Man reduziert so das Problem auf den statistisch nachweisbaren Anspruch, den ein Mitglied der Gesellschaft an Lebenszeit zugut hat. Ausgeblendet wird, dass auch Lebensalter, die über der durchschnittlichen Lebenserwartung liegen, noch eine Lebenserwartung von ein paar Jahren aufweisen. Das ist auch statistisch, aber immerhin realitätsnäher.

Die Statistik erleichtert das Beiseiteschieben der Verantwortung, quasi und turnerisch den Abgang vom Gerät bei der Betroffenheitsübung. Gleichzeitig entlarvt sie die Übung als Heuchelei. Sie gleicht darin dem geheimniskrämerisch vorgetragenen Argument bei allerlei Umweltproblemen: Das liege halt eben darin, «dass wir zu viele seien». Geheimniskrämerisch deshalb, weil: «Das dürfe man halt nicht sagen.» Warum sollte man nicht dürfen? Vielleicht weil man die – angesichts der Dürftigkeit des Arguments durchaus berechtigte – Antwort scheut: «Und wenn du einer bist oder wärest derjenigen, die zu viele sind?»

Die moderne Welt möchte mit dem Tod nichts zu tun haben

Die zweite Quelle ist schwieriger. Vielleicht weil sie – endlich! – mit Moral zu tun hat. Sie beruht auf der sogenannten Tugendethik. Hier bewertet man die moralische Qualität einer Handlung, indem man auf die soziale Einschätzung zurückgreift: Möchte ich in einer Gesellschaft leben, die derartige Handlungen verbietet, erlaubt oder gar fordert?

Welche Erwartungen hat eine moderne Gesellschaft in Sachen Tod? Sie blendet ihn vorderhand auch aus. Wir leben hochtechnisiert, vielfach abgesichert gegen alles mögliche Ungemach. Der Staat soll das garantieren, den Tod nach Möglichkeit verhindern. Im Gegenzug darf er den Bürgern dafür allerlei Risiken zumuten.

Das gilt auch für die Pandemie. Auch wenn es kindisch ist, den massnahmenverhängenden Staat als «übermächtig» zu kritisieren. Wer, bitte, soll es denn sonst tun? Dass wir uns selbst einschränken, erscheint als Zumutung. Ist in der Moderne einfach nicht mehr zeitgemäss. Dass man – trotz unserer Supermedizin – an Seuchen stirbt, natürlich auch.

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