Herkulesaufgabe

Geplatzte Bischofs-Wahl: Der neue Oberhirte muss den Resetknopf finden

Das Domkapitel des Bistums Chur. (Symbolbild)

Das Domkapitel des Bistums Chur. (Symbolbild)

Die Nichtwahl eines Bischofs offenbart die Heftigkeit der Richtungskämpfe im Bistum Chur. Wer immer der Nachfolger von Vitus Huonder wird: Er steht vor der Herkulesaufgabe, Brücken zu schlagen zwischen den zerstrittenen Lagern, schreibt Kari Kälin.

Im Brief an die Epheser hält Apostel Paulus fest: «Und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.» Die 22 Domherren des Bistums Chur scheinen sich am Montag bei der geplatzten Bischofswahl kaum an der Bibel orientiert zu haben. Vielmehr erinnert das Wahlgremium für einen neuen Bischof an «House of Cards». In der US-Serie wird die Politik als ein finsteres System inszeniert, in dem man sich mit Intrigen und Korruption auf die Ämter mit den höchsten Weihen hebelt.

Eine knappe Mehrheit der Domherren wies die päpstliche Dreierliste zurück. Dem konservative Lager missfielen die Kandidaten. Es sieht den Kurs des früheren Bischofs Vitus Huonder in Gefahr und im Bistum Chur das letzte Bollwerk gegen den Zeitgeist. Die Moderaten sehnen sich einen Bischof herbei, der die Gläubigen nicht brüskiert und den Landeskirchen wohlwollend gegenübersteht.

Wie vergiftet das Klima ­zwischen den Fraktionen ist, offenbart das Protokoll der Nichtwahl. Es strotzt vor rhetorischen Kraftmeiereien. Die Dreierliste bedeute eine «feindliche Übernahme» des Bistums Chur durch die ­Bischöfe von Basel, St. Gallen und den Abt von Einsiedeln. Man wolle die vom Mainstream abweichende Churer Stimme zum Schweigen bringen. Wer die markigen Worte ausgesprochen hat, ist offiziell nicht bekannt. Das Onlineportal kath.ch will wissen, dass es Generalvikar Martin Grichting war und dass er den Widerstand gegen die Papstliste gesteuert hat. Grichting gilt als Huonder-Vertrauer. Seine Gegner grätschen ihm verbal unsanft in die Beine. Ein Domherr bezeichnet ihn als «katholischen Hooligan».

Das Grundproblem hat sich nach der Nichtwahl eher noch verschärft: Im Bistum Chur herrscht ein Richtungsstreit. Ein Teil der Gläubigen und Personen im Kirchendienst mag sich mit der Situation arrangieren. Andere leiden aber darunter, wie Gespräche mit Stimmen von der Basis zeigen. Der Papst kann jetzt in Eigenregie einen neuen Churer Bischof ernennen. Wer immer es wird: Er steht vor der Herkulesaufgabe, Brücken zu schlagen zwischen den zerstrittenen Lagern. Er muss den Resetknopf finden. Die Erfahrung aus der Politik lehrt: Das kann lange dauern.

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Autor

Kari Kälin

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