Kommentar

Etikettenschwindel

Eine angebliche Feuerpause in Syrien bezeichnet unser Korrespondent Thomas Seibert als «Etikettenschwindel».

Eine angebliche Feuerpause in Syrien bezeichnet unser Korrespondent Thomas Seibert als «Etikettenschwindel».

Kommentar zum Waffenstillstand in Syrien

Als grossen Erfolg feiern die Regierungen in den USA und in der Türkei ihre Vereinbarung für Nordsyrien. Doch es gibt nichts zu feiern. Die USA setzten Nordsyrien zuerst mit der Erlaubnis für den türkischen Einmarsch in Brand und spielen jetzt den Feuerwehrmann. Inzwischen sind mehrere hundert Menschen getötet worden, 200 000 sind auf der Flucht.
Donald Trump schickte seinen Vizepräsidenten Mike Pence nach Ankara, weil er innenpolitisch unter Druck steht. Ihm wird vorgeworfen, die Kurden im Stich gelassen zu haben. Mit der Feuerpause soll jetzt plötzlich alles wieder in Ordnung sein. Dabei einigten sich Amerikaner und Türken nicht einmal darauf, in welchem Gebiet die türkische Armee ihre «Sicherheitszone» errichten darf. Der türkische Plan, dort zwei Millionen syrische Flüchtlinge anzusiedeln, wird in der Vereinbarung nicht erwähnt.

Die Türkei freut sich, weil Trumps Leute die geplante «Sicherheitszone» abgenickt haben, den Abzug der Kurdenmiliz YPG durchsetzen wollen und Wirtschaftssanktionen beenden. Doch bald könnte Erdogan von Wladimir Putin zu hören bekommen, dass sich die türkischen Truppen aus Syrien zurückziehen sollen. Moskau will eine permanente militärische Präsenz der Türkei in Syrien verhindern – egal, was die türkisch-amerikanische Einigung sagt. Der Konflikt ist also keineswegs vorbei, wie Trump die amerikanische und internationale Öffentlichkeit glauben machen will.
Der Etikettenschwindel von Ankara ist der durchsichtige Versuch der US-Regierung, sich aus der Verantwortung für ein Problem zu stehlen, das sie mitverursacht hat.

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