Am Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. An einem Gemüsestand fand ich Artischocken - angebaut im tiefsten Aargau. «Die haben den Winter überlebt», sagte der Bauer, «zum ersten Mal.» Ich fragte ihn, ob das mit der Klimaerwärmung zu tun habe. Er bejahte und fügte hinzu: «Sie ist eigentlich gut für unser Geschäft, es wachsen jetzt hier mehr Gemüsearten. Trotzdem macht mir der Klimawandel Sorgen. Es stimmt etwas nicht mehr.»

Dieser Bauer hatte wohl keinen Doktortitel, anders als Albert Rösti, Dr. Ing. Agr. ETH und Präsident der SVP. Doch die kurze Diskussion mit dem Mann am Wochenmarkt war differenzierter als das, was Rösti gleichentags an der Delegiertenversammlung seiner Partei von sich gab: Dass die Medien und die anderen Parteien so viel über das Klima berichteten, sei reiner Wahlkampf, behauptete er. Statt dass man sich über das warme Wetter freue, werde der Weltuntergang beschworen. SVP-Nationalrat Roger Köppel wiederum twitterte, in den Medien finde eine «manipulative Massenhypnose in Sachen Klima statt».

Der Grundlagenirrtum der SVP-Spitze

Dass die Spitze der SVP - der einstigen Bauernpartei, deren Logo schon immer grün war - die Klima-Debatte als Bedrohung für ihre Wähleranteile sieht, beruht auf einer fatalen Fehleinschätzung ihrer eigenen Basis. Der Grundlagenirrtum der SVP liegt darin, dass sie glaubt, Umweltschutz sei per se etwas Linkes, Sozialistisches. Ja, Rot-Grün besetzt dieses Thema zurzeit, das liegt aber nicht am Thema selbst, sondern am geschickten Marketing der Linksparteien und vor allem daran, dass die Bürgerlichen es vor langer Zeit preisgegeben haben.

Denn im Kern war und ist Umweltschutz etwas Konservatives. In der tiefbürgerlichen Schweiz war man schon immer überdurchschnittlich umweltbewusst; nicht melonengrün wie die Grünen (aussen grün, innen rot), sondern grün aus Naturverbundenheit und aus einer Haltung des Nationalstolzes heraus: Umweltschutz als Heimatschutz, die Schweiz als Musterland mit dem saubersten Wasser, den gesündesten Wäldern und den schönsten Gletschern. Der EWR wurde auch darum abgelehnt, weil die Schweiz 1992 «grünere» Gesetze hatte als die EU (es war der Hauptgrund, warum die Grüne Partei die Nein-Parole beschloss). Und auch beim Ja zur Masseneinwanderungsinitiative 2014 gab es solche Stimmen: Zu viel Einwanderung führe zu einer Verbetonierung der Landschaft, zu mehr Staus und Dichtestress.

Wer hats erfunden? Die Konservativen

Die Pioniere der Umweltschutz-Gesetzgebung waren keine Linken, sondern Politiker der damals tonangebenden konservativen Partei, der CVP. Dass die Schweiz den Umweltschutz früher als andere Länder in die Verfassung schrieb, ging auf einen Vorstoss des Aargauer CVP-Nationalrats Julius Binder zurück - vor Urzeiten, im Jahr 1964, unterstützt übrigens auch von SVPlern. Ironie der Geschichte: Die Konservativen argumentierten damals biblisch mit der «Bewahrung der Schöpfung», während SVP-Präsident Rösti Umweltschutzmassnahmen heute als «teuflisch» bezeichnet.

Die Anti-Klimaschutz-Rhetorik der SVP klingt verzweifelt. Eigentlich gilt ja im Wahlkampf die Grundregel: «Rede nicht über die Themen der anderen.» Doch der SVP dämmerte es irgendwann, dass sich die Klima-Diskussion so schnell nicht verflüchtigen würde, also ignoriert sie es nicht länger, sondern versucht, die Klimaleugner- und -Skeptiker einzufangen. Dieser Kreis ist in der aufgeklärten Schweiz allerdings klein. Die Kommentare auf der von SVPlern gern frequentierten «20 Minuten»-Website und sogar auf der eigenen Facebook-Seite der SVP sprechen Bände: Rösti & Co. politisieren an ihrer Stammkundschaft vorbei.

Dabei wäre Klimaschutz patriotische Pflicht. Nicht weil die Schweiz im Alleingang die Erderwärmung stoppen könnte; ihre Co2-Emissionen machen weltweit bloss ein paar Promille aus. Nein, aus der richtigen Haltung heraus. Hätte es die SVP-Spitze rechtzeitig erkannt, wäre ein konservativer Klimaschutz eine grosse Chance für die SVP gewesen. Denn sind es nicht ihre Leute, die lieber Ferien in der Heimat machen, statt mit dem Flieger nach Florida zu fliegen? (In Deutschland zeigte eine Studie, dass niemand so oft fliegt wie Wähler der Grünen.) Sind es nicht ihre Leute, denen das Herz beim Betrachten der abschmelzenden Gletscher am meisten blutet? Sind es nicht ihre Leute, die für eine «autonome» Lebensmittelproduktion sind statt für Importware? Ist es nicht die Landwirtschaft, die sicherstellt, dass vom Hof-Laden bis zu den Bio-Gestellen der Grossverteiler ein enormes Angebot an einheimischen Lebensmitteln erhältlich ist?

Diese Leute nimmt die SVP-Spitze mit ihrer Anti-Klimaschutz-Rhetorik nicht ernst. Sie macht sich lustig über deren echte Sorgen und auch über deren Lebensstil. Das erinnert an das Versagen von SP, CVP und FDP, die lange Zeit die Ängste grosser Teile der Bevölkerung vor Zuwanderung, Ausländerkriminalität und Verlust der Identität nicht ernst nahmen. Dasselbe könnte jetzt der SVP passieren, nicht nur mit Blick auf die kommenden Wahlen. Denn das Klima-Thema ist gekommen, um zu bleiben. Jede Tropennacht, jede Dürre, jeder schneearme Winter wird in Erinnerung rufen, dass der Klimawandel keine Erfindung der Medien ist.