Kommentar

Die persönliche Freiheit schwindet: Es braucht Toleranz für andere Meinungen

Bewegungen wie «Fridays for Future» geben vor, was als gut zu betrachten sei, findet unser Gastautor.

Bewegungen wie «Fridays for Future» geben vor, was als gut zu betrachten sei, findet unser Gastautor.

Wir alle kennen das Motto «Leben und leben lassen», und fast jedermann dürfte es gut finden oder mindestens zustimmend nicken. Mein jüngstes Buch leite ich mit einem Zitat des US-amerikanischen Richters William O. Douglas ein: «The right to be let alone is indeed the beginning of all freedom.» («Das Recht, ungestört zu bleiben, ist der Beginn jeglicher Freiheit.»), und daran glaube ich. Doch wie sieht es aus im wirklichen Leben?

Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit nehmen zu, durch staatliche Stellen oder durch internationale Organisationen, aber auch durch Unternehmen. Die Gesellschaft – als sogenannte Zivilgesellschaft – macht munter mit und gibt apodiktisch vor, was als gerecht, nachhaltig, sozialverträglich etc. und damit als gut zu betrachten sei (etwa der «Frauenstreiktag», die segelnde Greta oder «Fridays for Future»). Applaus und Unterstützung in vielen Medien ist gesichert. Der «kleine Mann» oder die «kleine Frau» oder «*divers» dürften hingegen zunehmend verwirrt sein – zumindest mir geht es so!

Ein Paradebeispiel für Fehlentwicklungen scheint mir die gelebte Wirklichkeit zur in der Bundesverfassung gewährleisteten Meinungsfreiheit zu sein: «Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.» Dass der Staat zu zahlreichen Einschränkungen und zu ängstlichen Tabuisierungen neigt, ist bekannt; ersichtlich wird dies beispielsweise bei der Strafnorm «Rassendiskriminierung», die bald ausgedehnt wird, von «Rasse, Ethnie, Religion» zusätzlich auf «sexuelle Orientierung».

Dass die Politik und der Staat überborden, ist systemimmanent. Als schlimmer erweist sich allerdings die Ursache dafür: eine zunehmend intolerante Gesellschaft und ihre Vertreter, die anscheinend die «ewige Wahrheit» gepachtet haben, sodass heuchlerische Shitstorms und selbstgerechte Kampagnen gegen Anders- denkende geführt werden. Ja, Belehrungen und Bevormundungen sind weniger anstrengend als Diskussionen.

Für mich als Professor besonders beunruhigend, sogar beelendend, sind die tumben Gesprächsverweigerungen sowie die intellektuellen Blindfenster im Zusammenhang mit Universitäten, zum Glück noch kaum in der Schweiz (wobei die Rolle von Bundesrat Guy Parmelin betreffend einer kürzlich gestoppten ETH-Publikation unklar erscheint).

Die ausländischen Warnsignale einer akademischen Intoleranz sind indes unver kennbar: In den USA kommt es seit einigen  Jahren immer wieder zu Auseinandersetzungen an Universitäten mit dem Kampfruf «Political Correctness», die in Boykotten von Vorlesungen und Abberufungsforderungen gegenüber Professoren gipfelt, denen ein einziger «Vorwurf» zu machen ist: eine andere Meinung zu haben. In Deutschland war vor einigen Wochen eine Vorlesung von Professor Bernd Lucke, der von Studierenden als «Nazischwein» beschimpft und attackiert wurde, nur unter Polizeischutz durchführbar, ohne dass sich die Universitäts leitung engagiert hat; Lucke war 2013 ein Mitgründer der Alternative für Deutschland (AfD).

Demokratie und Pluralismus setzen eine gelebte Meinungsvielfalt und echte Toleranz voraus. Gesinnungsterror, von links oder von rechts (oder woher auch immer), muss bekämpft werden. Auf die Gefahr hin, dass ich nun als «angry white male» oder als «Okay, Boomer» abgekanzelt werde: Wer Fleisch essen will, soll Fleisch essen; wer fliegen will, soll fliegen; wer Auto fahren will, soll Auto fahren; wer rauchen will, soll rauchen – jedermann hat ein Recht auf  Irrtum, und wer ein Idiot ist, hat auch das Recht zu zeigen, dass er ein Idiot ist!

Wer hätte gedacht, dass einer Aussage der vor 100 Jahren ermordeten Kommunistin und Revolutionärin Rosa Luxemburg gerade heute enorme Aktualität zukommt: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Andere Meinungen «niedermachen» – sei es «niederschreien», «niederknüppeln» oder «niederschreiben» – ist nie ein Zeichen der Stärke. Es belegt einzig die Angst, dass die eigenen «Argumente» schlicht nicht zu überzeugen vermögen.

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