Kommentar

Die Frau ist ein Anhängsel: Oft zählt nur die Marketingstrategie, nicht die Kompetenz

Anne Lévy  - die neue Mrs. Corona.

Anne Lévy - die neue Mrs. Corona.

Zwei Personalien zu zwei anhaltend aktuellen Themen machten in den letzten Wochen und Monaten Schlagzeilen. Zum Ersten ging es bei der Corona-Pandemie um die Nachfolge von Daniel Koch, ehemaliger Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit. Landesweit bekannt war er die Stimme an den regelmässigen Medienkonferenzen des Bundes. Er ist so bekannt und vertrauenswürdig, dass auch nach seiner Pensionierung praktisch keine physische oder virtuelle Ver­anstaltung ohne ihn denkbar ist und kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht in den Medien auftaucht. «Verzweifelt gesucht – Mr. Corona», titelte denn auch SRF. Wenn ein so kompetenter und gefragter Spitzenbeamter abtritt, ist es offenbar ganz klar, dass nur ein Mr. Corona in seine Fussstapfen treten kann und niemals eine Mrs. Corona.

Zum Zweiten ging es nach der Abstimmung über die Begrenzungsinitiative um die Nachfolge von Roberto Balzaretti, ehemaliger Staatssekretär und Chef-Unterhändler des Rahmenabkommens zwischen der Schweiz und der EU. Hier waren die Schlagzeilen zur ernannten Nachfolge noch krasser: «Was taugt die neue Mrs. Rahmenabkommen?» (nau.ch). «Jetzt soll eine Frau das Problem mit der EU lösen» (Tages-Anzeiger). «Eine Frau soll es richten» (Neue Zürcher Zeitung).

Die CH-Media-Zeitungen wiederum verstiegen sich zur Aussage, dass die Ernennung der neuen Staatssekretärin ein Putsch des ehemaligen Bundesrats Schneider-Ammann und des ehemaligen Staatssekretärs Michael Ambühl sei. Ein Alt- Bundesrat und ein Alt-Staatssekretär würden künftig kräftig mitregieren. Die Frau also ein Anhängsel.

Die Botschaften sind in beiden Fällen klar: Wenn ein Star zurücktritt, muss ein Mann folgen. Wenn aber ein Mann zurücktritt, der ein nahezu aussichtsloses Geschäft nicht mehr retten kann, beeindruckt man allenfalls mit einem Strategiewechsel in Form eines anderen Geschlechts. Einer namenlosen Frau, einem Anhängsel. Marketing zählt, nicht die Kompetenz. Wenn Livia Leu ein Livio Leu wäre, hätte es geheissen: «Jetzt soll es Livio Leu richten.» Livia Leu, langjährige Botschafterin, ist nämlich kein unbeschriebenes Blatt und weit über Bern hinaus bekannt, hat sie doch unter anderem unser Land in der Islamischen Republik Iran erfolgreich vertreten.

Es sind aber nicht nur die erwähnten Personalien, die in den letzten Wochen in den Medien aufgefallen sind. Barbara Marti, Herausgeberin der Online-Zeitschrift «Frauensicht», führte im Schweizer Online-Medium «info­sperber» vom 15. Oktober völlig zu Recht und erstaunlich unaufgeregt weitere Beispiele an: «Eine Frau soll Michael Laubers Laden auf­räumen». «Pritzker-Preis geht an zwei Frauen». «Frau an der Spitze von Griechenland». All diese Frauen haben Namen. Die aber ungenannt bleiben.

Im Fall der neuen Staatssekretärin Livia Leu waren es allerdings nicht nur die Medien (als Spiegel der Gesellschaft ...), die sich rückständig verhalten haben. Es war Ignazio Cassis selbst, der Chef von Livia Leu, der sich hintersinnen sollte: An der Medienkonferenz, an der die neue Staatssekretärin in ihrem Beisein vorgestellt wurde, wurde von einem anwesenden Journalisten je eine Frage an Livia Leu und eine an Ignazio Cassis gerichtet. Der Aussenminister erhob wie selbstverständlich seine Stimme zur Beantwortung der ihm gestellten Frage. Ohne seiner neu ernannten Staatssekretärin danach das Wort zur Beantwortung der an sie gerichteten Frage zu erteilen.

Kann allen Ernstes jemand behaupten, die Gleichstellung sei nicht nur gesetzlich, sondern auch faktisch vollzogen, wenn Frauen derart namenlos abgefertigt werden? Können Medien, können Bundesräte und andere Machtträger wirklich anfügen, sie seien gendermässig genügend sensibilisiert? Es bleibt nur die verzweifelte Hoffnung, dass Frauen bald in genügender Anzahl in Spitzenpositionen sind. Damit das Geschlecht kein Thema mehr ist.

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