Es gibt Sätze, die eigentlich nur zum Maulstopfen taugen. Sogenannte Primsätze, unteilbar. Im Unterschied zu den Primzahlen wären sie schon zu zersetzen. Allerdings lohnt sich der Aufwand selten. Ein nicht geringer Teil der «Primsätze» nämlich sind und bleiben Floskeln.

Etwa der Satz «Leben heisst Veränderung». Welch umwerfende Einsicht! Zitiert von Hohlköpfen, um kurz die Taschenlampe des Stubenphilosophen auf sich zu richten. Das Ergebnis ist kein Schein der Erleuchtung, sondern der Schattenriss einer Fratze. In Berlin verschickte eine Immobilienfirma, im Besitz von zig tausend Wohnungen, einen Brief an die Mieter, nachdem die Firma deren Wohnungen «saniert» und die Mieten massiv erhöht hatte. Im Brief stand zur Begründung: «Leben heisst Veränderung». Dieser Satz verriet die Fratze.

Gibt es neben zynischen Primsätzen auch wahrhaftige, unteilbare Einsichten? Ja – zum Beispiel: «Du sollst nicht töten.» Das Dampfross soll das Leben «total verändert» haben, der Benzinmotor, die Rakete, das Handy ..., und der Satz «Du sollst nicht töten» steht unverändert seit mosaischen Zeiten. Vielleicht in nochmals 3000 Jahren erst wird man merken, dass der Satz sogar für den Krieg gelten müsste. Sofern sich der Mensch bis dahin zivilisatorisch etwas verändern könnte, statt vom Planeten abzutreten als ewig gleich bornierte Kanaille.