Am letzten Sonntag gab es aussagestarke Bilder für den Unterricht an Polizeischulen und Gewalt-Seminaren. Zwei Dutzend Halbstarke übersteigen im Luzerner Fussballstadion nach 68 Minuten die Abschrankung. Die neun Securitys weichen zurück, die Polizei rückt in Kampfmontur an.

Danach verlangt der einschlägig bekannte Wortführer der Störer vom Vereinspräsidenten, dass sich die GC-Spieler vor dem Mob erniedrigen. Sie sollen sich entkleiden, sich hinlegen und danach demütig abziehen. Andernfalls werde ihnen später Gewalt angetan.

Neben der groben Verletzung der Stadionordnung liegen inzwischen die Delikte Nötigung und Erpressung vor. Es werden aber keine Anstalten gemacht, Zeit zu gewinnen, um die Chaoten durch die Profis der Polizei abführen zu lassen. Obwohl der Pöbel mit seinen Pyro-Attacken und rechtsextremen Umtrieben regelmässig Schlagzeilen macht, ist kein entsprechendes Dispositiv vorhanden.

Stattdessen kommt der Verein den Delinquenten entgegen und befriedigt sie mit der «halben» Demütigung der Spieler. Diese müssen vor dem Mob antraben und die Leibchen abgeben – gemäss Vereinspräsident Teil seiner «Deeskalationsstrategie».

Da liegt ein grundsätzlicher Irrtum vor, wie er auch ausserhalb des Fussballs vorkommt. Eine Deeskalation bedeutet die bestmögliche Vermeidung von Gewalt durch kluge Taktik. Niemals gehört jedoch die Honorierung von Gewalt und Drohung dazu, auch nicht teilweise.

Werden das Prinzip Recht vor Macht und das Gewaltmonopol des Staates geritzt, versagt jede weitere Prävention. Die Autorität von Institutionen, die sich gängeln lassen, ist für Pöbler null; die Demutsgeste der Erpressten bedeutet für sie und weitere Verirrte Triumph und Ansporn für weitere Taten.

Dass es auch anders geht, habe ich vor Jahren im Genfer Stadion erlebt. Die Polizei stand vor dem Stadion betont gelassen bereit, ohne Helme, jedoch mit Kastenwagen, um allfällige Störer sofort abzuführen. Die Security hielt im Hintergrund ihre eigene Eingreiftruppe bereit, bestehend aus durchtrainierten Kampfsportlern von durchwegs beachtlicher Postur.

Nach dem ersten Blitzeinsatz dieser Truppe herrschte während des ganzen Spiels gute Stimmung, die Störer waren chancenlos. Wo die Zuständigkeiten anders ausgehandelt sind, können die geschulten Spezialkräfte der Polizei diese Aufgabe übernehmen. Zur Deeskalation gegenüber einer gewaltsuchenden Horde gehört eben auch die rasche Klärung der Situation durch die potente Durchsetzung zivilisatorischer Prinzipien.

Die Zürcher Polizei musste über viele Jahre einen riesigen Aufwand betreiben, um mit einer Grosszahl von Präventions-, Deeskalations- und Interventionsmassnahmen das jährliche Gewaltritual am 1. Mai in den Griff zu bekommen. Ohne diese Anstrengungen hätte man diesem politischen Tag seine Würde nicht zurückgeben können. Die Spasskrawaller würden auf der Suche nach Heldengeschichten und geilen Selfies immer noch nach Zürich kommen.

In Zeiten der Verwirrung an den politischen Rändern wird die Pflege der Rechtsstaatlichkeit umso wichtiger. In Basel wird gegen eine Gruppe von Neonazis ermittelt; sie soll Gewalttaten gegen Juden, Moslems, Schwarze und Einwanderer geplant haben. Am anderen Ende des Spektrums wird stolz auf Brandanschläge gegen Firmen verwiesen, die im Auftrag der Behörden an Vollzugsanstalten bauen.

Nach 0:4 gegen Luzern: Spiel wegen GC-Fans abgebrochen (12.5.2019)

Nach 0:4 gegen Luzern: Spiel wegen GC-Fans abgebrochen (Beitrag vom 12. Mai 2019)

Uli Forte und Heinz Lindner sollen die Situation beruhigen. Gelingt das nicht, wird das Spiel abgebrochen.

Oder am 1. Mai wird in Zürich der Verkaufsstand eines Hilfsprojekts für Peru zerstört, weil der Partner der engagierten Peruanerin aus Sicht der Gewalttäter bei einer zu stark rechten Zeitung arbeitet. Je nach Motiv verlangen jeweils linke oder rechte Politiker sofort Massnahmen, leider oft penibel parteiisch.

Für Pseudo-Legitimationen zur Selbstherrlichkeit steigt das Angebot. Virtuelle Fake-Blasen verstärken die Bereitschaft zur realen Gewalt. In einigen Ländern fühlen sich inzwischen auch Neofaschisten, Kapitalismuskritiker, Veganer, Tierschützer, Abtreibungsgegner, Reichsbürger und Ökoaktivisten zu eigener Gesetzlichkeit berechtigt. Und erst recht bietet die religiöse Unterlegung Möglichkeiten zur leistungsfreien Machtentfaltung – inklusive Ermordung und Versklavung von Menschen in Syrien.

Unser Rechtsstaat soll uns deshalb lieb und teuer sein. Ein gut ausgestattetes Justizsystem schafft im Alltag und darüber hinaus Frieden.