Kolumne

Beziehungen: Mein Freund, die Frauenstimme und ich

«Ich mochte Frau Navi, auch dann noch, wenn mein Freund lieber ihr zuhörte als meinen Versuchen, den Text eines 90er-Hits mitzusingen.»

«Ich mochte Frau Navi, auch dann noch, wenn mein Freund lieber ihr zuhörte als meinen Versuchen, den Text eines 90er-Hits mitzusingen.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Was sexistische Vorurteile mit Navigationssystemen zu tun haben.

In den Ferien waren wir zu dritt: mein Freund, ich – und die Frauenstimme aus dem Navi. «Nach 200 Metern rechts abbiegen» oder «Bitte wenden» befahl sie uns in das monotone Brummen des Motors hinein. Mein Freund, der Fahrer, gehorchte. Fuhr er falsch, war es, weil «sie die falsche Abzweigung angegeben hat». Kilometer für Kilometer begleitete uns «Frau Navi», wie ich sie nannte, um sie etwas zu vermenschlichen, auf unserer Reise. Gesichtslos, dezent, freundlich im Ton. (Mich) Meistens störend.

Bei manchen Systemen sind nur Frauen verfügbar

Hilfsbereit und fürsorglich, so sind sie, die Frauen. Ein sexistisches Vorurteil, das gewiss nicht auf alle Frauen zutrifft, dafür auf alle Sprachanweisungen: Die Stimmen von Navigationssystemen in Autos und anderen Sprachassistenten sind standardmässig weiblich – und sie dienen uns, wann immer wir sie brauchen.

Die allzeit bereite Siri etwa, die Sprach-Software von Apple, die von einer deutschen Synchronsprecherin vertont wurde und zur Stelle ist, wenn immer wir zu faul sind, etwas ins Smartphone zu tippen. Oder die dienstwillige Alexa, das Sprachsteuerungssystem von Amazon, bei dem sich, hätte man lieber einen Mann aus dem Lautsprecher gehört, eine männliche Stimme gar nicht erst einstellen lässt. Oder wir bedienen uns der Navigationshilfe, wenn wir jemanden brauchen, der (die!) uns durch den Strassenverkehr lotst – Konfliktgefahr exklusive.

Die Verantwortung fürs korrekte Fahren lässt sich nämlich nicht hin und her schieben, wenn die Kommunikation nur in eine Richtung stattfindet. Frau Navi sagt, Fahrer/Fahrerin macht. Anders als früher, als Beifahrerinnen und Beifahrer die Routen noch von Strassenkarten aus Papier ablasen und mit genervtem Gemurmel über komplizierte Kreuzungen und unübersichtliche Autobahneinfahrten den Weg zu weisen versuchten, kommt aus den Autolautsprechern heute eine sympathische Frauenstimme – die auch dann nicht zurückgibt, wenn man sie harsch angeht.

Niemand ist beleidigt, niemand schmollt

Führt sie uns verkehrt in eine Einbahnstrasse, die so eng ist, dass knapp ein alter Fiat 500 durchpasst, darf man fluchen und verfluchen, so viel man Lust hat. Niemand ist beleidigt, niemand schmollt. Und geht sie einem auf den Keks («weil sie mir schon wieder nicht geholfen hat!»), schaltet man sie einfach ab.

Doch zurück zu unseren Ferien, meinem Freund, der Frauenstimme und mir. Nach Hunderten von Kilometern Fahrt wurde Frau Navi Teil unserer Zweier-Ferienidylle. Ich fing an, sie zu mögen. Und ich mochte sie auch dann noch, wenn mein Freund lieber ihr zuhörte als meinen Versuchen, den Text eines 90er-Hits mitzusingen.

Die Anwesenheit der in Sachen europäisches Verkehrsnetz schier allwissenden Frau Navi machte mir deutlich, dass Frauen nicht nur der Fürsorge wegen helfen. Sondern auch oder gerade weil sie etwas können, das andere nicht können. Danke, Frau Navi!

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