500 Millionen Franken sind viel Geld – oder auch wenig. So viel jedenfalls gibt der Bund in gerade mal neun Wochen für Agrarsubventionen aus. Und 500 Millionen Franken kostet es, um fünf Kilometer Autobahn zu bauen. Nun will der «Swiss Entrepreneurs Fonds» diesen Betrag in Dutzende von Schweizer Jungunternehmen investieren, um ihnen in der Wachstumsphase zu helfen. Die halbe Milliarde sollen Grossinvestoren wie Pensionskassen oder Versicherungen einschiessen. Als erster Investor stellte die Mobiliar 100 Millionen Franken bereit.

Tatsächlich ist die Finanzierung von Jungunternehmen kein Ruhmesblatt in der Schweiz. Das überrascht angesichts der Grösse des hiesigen Finanzplatzes. Es überrascht auch, wie lange es dauerte, bis der Entrepreneurs Fonds letztendlich das Licht der Welt erblicken konnte. Der Prozess zog sich über Jahre hinweg. Die Bewilligung durch die Finanzmarktaufsicht Finma dauerte Monate. Hätte man den Fonds in Luxemburg aufgelegt, wäre alles schneller gegangen.

Entstanden ist die Idee ursprünglich unter dem Eindruck der Eurokrise ab 2009. Wegen der Frankenstärke gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren. Die Politik machte sich grosse Sorgen um die industrielle Basis in der Schweiz. Es herrschte das panikartige Gefühl, dass man jetzt unbedingt etwas tun sollte für den Nachwuchs des Schweizer Unternehmertums.

Also musste ein Risikokapitalfonds her – clevererweise einen, der eine klaffende Lücke in der Wertschöpfungskette der Start-up-Finanzierung schliessen sollte: Nämlich die Kapitalausstattung von Unternehmen, die sich in der sogenannten Wachstumsphase befinden und somit Einschüsse in der Grössenordnung zwischen 5 und 20 Millionen Franken benötigen.

«In der Schweiz gibt es eine Finanzierungslücke für innovative Wachstumsfirmen, also für KMUs in der Phase zwischen Start-up und etablierten Unternehmen», sagte Stiftungsrat Lukas Gähwiler anlässlich der Präsentation des Finanzvehikels. Diese Lücke soll der Fonds nun schliessen, ist er überzeugt. Doch ob das reicht, ist fraglich. Weitere Fonds wären nötig, um den Finanzdurst zu löschen.

Die Finanzierungslücke ist ein echtes Problem. Denn sie hat den unerwünschten Effekt, dass sich hoffnungsvolle Schweizer Jungunternehmen in die Hände von ausländischen Investoren begeben müssen, um die nötigen Millionen zu beschaffen. Die Investoren, oft aus dem Silicon Valley, drängten die Firmen in der Folge dazu, den Firmensitz nach Kalifornien zu verlegen. Mit jedem Wegzug eines Start-ups geht der Schweiz nicht nur ein Unternehmen verloren, sondern dummerweise auch ein Teil der unternehmerischen Zukunft.

Eine wenig überzeugende Rolle spielen die ETHs in Zürich und Lausanne. Sie belegen in internationalen Rankings regelmässig Spitzenplätze, die ETH Zürich gilt als die beste kontinentaleuropäische Hochschule. Doch beim Transfer von Forschungsergebnissen in unternehmerische Erfolge sind die ETHs ausserordentlich schlecht. Wie schlecht, belegt die Einhorn-Statistik. Als ein Einhorn (oder Unicorn auf Englisch) wird ein Unternehmen bezeichnet, das spätestens zehn Jahre nach der Gründung eine Milliarde Franken wert ist. Die Universität Stanford in Kalifornien schafft es auf 51 Einhörner, die von Absolventen gegründet wurden. Harvard an der US-Ostküste kommt auf 37. Die ETH Zürich und damit die ganze Schweiz kommt auf eines.

Peinlich ist diese Minimalausbeute angesichts der immensen Steuerbeträge, welche die Schweizer Hochschulen erhalten. Allein die ETH Zürich kann es sich leisten, jährlich 1,8 Milliarden Franken in ihren Lehr- und Forschungsbetrieb zu buttern. Zum Vergleich: Die Universität von Tel Aviv verfügt über ein deutlich tieferes Budget (550 Mio. Fr. im Jahr 2013), kommt aber bereits auf sieben Einhörner.

Gerd Folkers, ETH-Professor und Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrates, sagte in einem Interview mit dieser Zeitung, dass es beeindruckend sei, was die «vielen Hunderte von reichlich klugen Leuten» in der Schweiz herausgefunden haben. «Aber sie sind im Vergleich zum Ausland nicht fähig, damit Geld zu machen.» Warum, ist Folkers ein Rätsel. «Wir gründen genügend Start-up-Unternehmen, aber sie wachsen nicht schnell genug oder verschwinden wieder.»

Einen Beitrag zu diesem Verschwinden leistet ausgerechnet der Bund selbst. Über die den Konsulaten angehängten Netzwerkorganisationen Swissnex werden Schweizer Start-ups regelmässig nach San Francisco eingeladen, um sich Finanzinvestoren vorstellen zu dürfen. Die Büros am Pier 17 kosten nicht nur eine Stange Geld – 90'000 Franken pro Monat –, sondern dienen auch dem Ausverkauf von Schweizer Know-how in die USA. Ob das im Interesse der Schweiz ist?

beat.schmid@schweizamwochenende.ch